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Zum Geleit

Als Gott die Welt baute, ließ er mit dem Rhein eine Straße in die Erde Europas brechen, und siehe, sie wurde die schönste der Welt. An dieser bevorzugten Straße liegt das Loreleystädtchen St. Goarshausen, dem man in seiner heutigen idyllischen Friedsamkeit nicht ansieht, welch reichbewegte Geschichte sein enger Boden birgt. Daß diese romantische Stätte noch keinen Chronisten gefunden hat, der ihrer schicksalverhafteten Entwicklung mit einfühlender Liebe nachging, war schon immer als beklagenswerte Lücke empfunden worden.

Wenn ich es daher in meinen alten Tagen auf amtliche Anregung hin unternommen habe, die Chronik von St. Goarshausen zu schreiben, so geschah es mit umso größerer Freude, als es sich um meine Heimat handelt, an der ich damit eine Ehrenpflicht erfülle.

Die Aufgabe war nicht leicht. Sie hat jahrelange, zeitraubende Studien und Forschungen gekostet. Es hieß, tausenderlei Steinchen zusammenzutragen, um das fertige Mosaikbild zu schaffen. Denn die aktenmäßigen Quellen fließen nur sehr spärlich, und was bisher veröffentlicht wurde, wie z.B. das Büchlein von Archivrat Paul Wagner: “Aus der Geschichte der Stadt St. Goarshausen“( 1924)‚ waren meist knappe Darstellungen, die in ihrer trockenen, gelehrten Art den Leser ermüden und ihm kaum Eindruck machen. Damit haben solche Schilderungen aber von vorherein ihren Zweck verfehlt. Neben dem Hirn soll das Herz die Feder führen, und vielleicht fällt diesem der gewichtigere Teil der Arbeit zu. Eine Ortsgeschichte, wenn sie befruchtend wirken soll, darf keine nüchterne geschichtliche Abhandlung sein, die mit einer Fülle von Namen und Jahreszahlen aufwartet und schließlich nur für Wissenschaftler Anziehungskraft hat, sondern ein frischer, lebendig- sprudelnder Quell, dem man gerne lauscht.

Man muß bedenken: Es gibt in deutschen Landen kaum einen Gau, der politisch und wirtschaftlich eine solch buntfarbige, zerrissene, man könnte fast sagen: verworrene Geschichte aufweist wie unsere Heimat. Ist es schon für einen Fachmann, einen Geschichtsforscher, nicht leicht, in dem durch die ständig wechselnden Herrscherhäuser verursachten Wirrwarr der Geschehnisse den Faden zu behalten, so wird es für den Unkundigen zu einer schier unlöslichen Aufgabe, sich darin zurechtzufinden.

Ich habe daher versucht, zwischen beiden eine Brücke zu schlagen, also ein Werk zu schaffen, das auf der einen Seite den wissenschaftlichen Anforderungen möglichst gerecht wird, auf der andern aber in Sprache und Darstellungsform so volkstümlich gehalten ist, daß es auch von dem einfachen Mann mit Genuß und Verständnis gelesen wird. Mit einem Wort, es soll ein Volksbuch sein, das jede Familie als willkommenen Besitz betrachtet, zu dem sie immer wieder gerne greift, ein Heimatbuch, das sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, das ihnen Aufschluß und Kenntnis gibt von dem Wirken der Väter und dem Werden der heimatlichen Gemeinschaft. Denn die Kenntnis der Vergangenheit ist der Boden, aus dem die Heimatliebe erwächst, und mit ihr die Liebe zum Vaterland.

Namentlich die Jugend, die so gerne alles, was “dahinten liegt“, mit einer Handbewegung abzutuen pflegt, soll erfahren, daß wir alle auf den Schultern unserer Vorfahren stehen und daß dem Menschen nichts geschenkt wird, sondern daß alles neu errungen werden muß, im Sinne des Goethe’schen Wortes:

Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen

So nur erwächst die Achtung vor dem Gewordenen und Bestehenden.

Wenn ich bei einzelnen Abschnitten die Fäden etwas weiter gesponnen habe und über das Örtlich-Beschränkte hinausgehend, die jeweiligen Verhältnisse und Zeitströmungen gestreift habe, wie sie damals in Deutschland bestanden, so geschah dies, um dem Uneingeweihten die Zusammenhänge des großen völkischen Entwicklungsganges mit den eigenen kleinbürgerlichen Verhältnissen, also den Ausstrahlungen der vaterländisch – völkischen Geschicke auf die engere Heimat darzulegen. Denn Landschaft und Menschen bilden eine unzertrennliche Einheit. Das Kleine wurzelt im Großen und nur der Blick über den eigenen Kirchturm hinaus ermöglicht das Verständnis für Zeit und Welt. Eine Chronik, die sich nur auf das rein Örtliche beschränkt, wird dem tieferen Gedanken, der einer solchen Aufgabe innewohnt, nicht gerecht. Denn ein Ort, und sei er noch so klein, ist kein abgeschlossenes Wesen, sondern ein lebendiger Körper, der durch tausend Fäden mit den Schicksalen des Landes, dem er angehört, verbunden ist. Wer diese nicht kennt, dem bleibt auch die engere Heimat ein Buch mit sieben Siegeln.
Ich habe deshalb darauf Bedacht genommen, die Chronik so zu gestalten, daß ich zeige, wie aus der bescheidenen Urzelle unter dem Einfluß der Umwelt und dem Auftrieb der Zeit das Bäumchen sproß und höher und höher wuchs, bis es zu dem schattigen Baum wurde, der uns heute die Heimat bedeutet.
Daß bei der Fülle des Stoffes hier und da Wiederholungen vorkommen, ließ sich nicht vermeiden. Es war zum Verständnis der ineinandergreifenden Kapitel unerläßlich.
Der Ordnung halber sei noch erwähnt, daß ich, um die Ortsgeschichte vor der Gefahr der Verknöcherung zu schützen, von der Wiedergabe gelehrter Zitate, umständlicher Quellennachweise und langatmiger Urkunden, die in der Ursprache (lateinisch oder mittelalterliches Deutsch) für den Unkundigen doch kaum verständlich sind, so viel wie möglich abgesehen und mich auf die große Linie der Geschehnisse beschränkt habe. Wen es lockt, Sonderforschungen zu machen, da sei auf die in den Landesarchiven zu Wiesbaden, Darmstadt und Marburg ruhenden Akten hingewiesen, die übrigens in diesem Falle sehr bescheiden sind.
Wertvolle Winke gaben mir Grebels und Knabs Geschichte von St. Goar, sowie die persönlichen Aufzeichnungen des verstorbenen Spenglermeisters Christoph-Emil Greiff und seines Vaters und Großvaters. Ebenso verdanke ich dem heimattreuen Meister Ernst Greiff zu St. Goarshausen und verschiedenen anderen Heimatfreunden manche nützliche Anregung und Auskunft. Allen sei hiermit Dank und Anerkennung ausgesprochen!
Vieles habe ich nach eigenen Erinnerungen – man hat ja im Laufe von fast 80 Jahren allerhand erlebt- beitragen dürfen und ich hoffe, daß es für das Gesamtbild eine freundliche Bereicherung ist.
Und wenn ich dabei bemüht war, hier und da dem allzu trockenen Stoff einige humoristische Lichter aufzusetzen, so geschah es um der Volkstümlichkeit willen. Auch Nutzgärten erhalten ein freundlicheres Gesicht. wenn man an den Wegen ein paar Rosen pflanzt.
Aus dem gleichen Grunde habe ich der Chronik einen kleinen Anhang angefügt: “Schnurren und Schwänke aus Alt- St. Goarshausen“, in denen ich einige Sonderlinge, jene urwüchsigen, schnurrigen Gestalten, an denen das alte Städtchen so reich war, verewigt habe, sowie einige Gedichte aus der eigenen Feder.
Zum Schluß noch eins: Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß die vorliegende Chronik nur in der engeren Heimat Anklang zu finden beanspruche. Sie ist so gehalten, daß es für jeden Freund rheinischer Geschichte ein Gewinn sein dürfte, darin zu blättern. Wie der Rhein der deutsche Schicksalsstrom ist, so ist auch dieses Buch an seinem bescheidenen Teil berufen, die Schicksalsfäden zu zeigen, die das rheinische Land mit der großen deutsch – völkischen Entwicklung verknüpfen.

Strom der Ströme! Heiliger Rhein!
Trägst Alldeutschlands Lorbeerfülle,
Birgst in deines Mantels Hülle
Deutscher Seel güldnen Schrein!
Ahnenkünder!
Vater Rhein!

In diesem Sinne gebe ich dem Buch meinen Weg- und Wandersegen!

Jörg Ritzel
Wiesbaden, im Julmond 1940

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Die hier vorgestellten Ansichten entsprechen weder denen der Urheber dieser Internetseite noch möglicherweise dem modernen Stand der Geschichtsforschung.

Wir verweisen auf das einleitende Kapitel zur Erläuterung.