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Die Heimat hielt tapfer durch

Es wäre ein einseitiges Beginnen, wollte der Chronist nur die Lichtseiten einer Zeit schildern. Die geschichtliche Gerechtigkeit verlangt, daß er auch der Schattenseiten gedenkt, denn nur so rundet sich das Bild zu dem buntfarbigen Gemälde, das uns die Größe einer Zeit ermessen läßt, in der ein Volk sich wieder zum Licht emporgerungen und sich eine bessere Zukunft gezimmert hat.
Die Opfer, die unsere Heimat für das vaterländische Befreiungswerk gebracht hat, waren unendlich groß und wer heute die alten Schriften mit Aufzeichnungen liest, den überkommt eine stille Ehrfurcht vor der Ausdauer und heldenmütigen Zuversicht, mit der unsere wackeren Vorfahren alle diese Nöte ertragen haben.
Der nach der Schlacht von Leipzig einsetzende Fluchtstrom französischer Heereshaufen brachte unendliches Leid über die Bevölkerung. Kaum waren sie überm Rhein, so folgten ihnen die deutschen und russischen Truppen,die tausende von Verwundeten und Siechenden mit sich führten. Die wochenlangen Einquartierungen und die infolge der knappen Lebensmittel mühsame Verpflegung dieser abgekämpften, und von den langen Märschen ausgemergelten Soldaten mit ihrer Unmenge Kranker und Verwundeter, die in Bürgerhäusern untergebracht werden mußten, da es an Lazaretten und Krankenwärtern fehlte, hatten einen wahren Elendszustand im Gefolge. Als die Truppen nach dem Rheinübergang abgezoen waren, glich das Land einem großen Krankenlager. Der Typhus wütete. Der Toten wurden so viele, daß man sie oft auf den Friedhöfen in Massengräbern beisetzte. Vom Oktober 1813 bis April 1814 erkrankten im Herzogtum Nassau 43 044 Personen am Typhus, von denen 9007 starben. Allein im Amte St. Goarshausen starben von 999 Erkrankten 208. Im Kloster Bornhofen lagen noch nach dem Abzug der Truppen 118 kranke Preußen. Jeder sechste Bewohner war typhuskrank. Erst mit dem warm und trocken einsetzenden Frühjahr stellte die Seuche ihr Rasen ein.
Besonders schlimm ist das Andenken, das die Kosaken hinterlassen haben. Diese verlausten Steppensöhne verwechselten den Rhein mit der Wolga. Sie trieben ihre zottigen Rösser durch die Saaten und fuchtelten beutesuchend mit ihren langen Lanzen umher, als hätten sie statt deutscher Bürger russische Muschiks vor sich.
Auch das Städtchen St. Goarshausen hatten sie mit ihrer Anwesenheit beglückt, und wie sie es hier trieben, davon wußten noch spätere Geschlechter mit Schaudern zu erzählen. Die Fische hätten sie halbroh gefressen. Namentlich aber hatten sie es auf Wutki (Schnaps) abgesehen. Sie konnten davon nicht genug bekommen, wenn nicht im guten, dann mit Gewalt. Fanden sie keinen mehr, dann, soffen sie den Anstreichern den Terpentin aus. Wirklich, man hatte sich die Wacht am Rhein anders vorgestellt. “Lieber die Franzosen als Feinde im Lande, als die Russen als Freunde im Quartier“, heißt es in einer alten Aufzeichnung. (Siehe im Anhang das Geschichtchen “Der feine Wutki “). Es ist begreiflich, daß die Kriegsschäden sich ziffernmäßig schwer nachweisen lassen, namentlich bei den kleinen Orten. Wir können höchstens aus den noch vorhandenen Amtspapieren uns einen Begriff davon machen. Der Vollständigkeit halber lassen wir hier die Summen folgen, die allein die kleine Gemeinde St. Goarshausen nach den im Landesarchiv befindlichen Kriegsschaden-Rechnungen angemeldet hat, wobei gleichzeitig die Kosten für die Mithilfe bei dem Rheinübergang erwähnt sein mögen.

Kriegsschäden und Einquartierungskosten in den Jahren 1792 – 1796
(7. StabsoffizIere, 103 Offiziere und 5562 Mann): Fl. 60.293.04
Kriegsschäden und Verpflegungskosten vom Nov. bis 31. Dez. 1813
(204 Offiziere und 6120 Mann): Fl. 12.686.58
Materiallieferung für die Kauber Brücke
Heinrich Jakob Meyer, St. Goarshausen
für Diele (Bretter) Fl. 51.60
Händler Sauerwein, für Bretter Fl. 2.09
Beim Rheinübergang in Kaub beschäftigt:
10 geübte Schiffer pro Manrr 22 Gulden Fl. 220.00
5 Schiffbauer 4 Tage zu 3 Gulden Fl. 60.00
1 Salm an Marschall Blücher gespendet Fl. 28.48
2 Salmen an einen preußischen General für Abwendung mehrerer Kranken und Blessierten nach Bornhofen Fl. 66.00
Mithilfe beim Übersetzen der Kleist’schen Armee in Koblenz am 18.01.1814
9 Mann 2 1/2 Tage pro Tag 3 Gulden
Fl. 67.50
Stellung eines Sprengnachens dazu mit Geschirr, 19 Tage a Fl. 1,30 Fl. 28.30
Lohn und Zehrung für 3 Mann (Christoph Menges, Christian Sauerwein u. Gottfried Greiff) Fl. 37.21
Übersetzen von Truppen in St. Goarshausen vom 11.-17. Januar 1814 durch Zwerchfährer Johann Christoph Menges (193 Mann, 22 Wagen und 48 Pferde) Fl. 31.58

Ob und von wem diese Kosten an die Gemeinde St. Goarshausen zurückerstattet wurden, ist aus den Aufzeichnungen nicht zu ersehen. Anzunehmen ist, daß sie später mit der Nassauer Regierung verrechnet wurden. Jedenfalls kann man sich eines bedrückenden Gefühls nicht entziehen, wenn man diese Zahlen sieht und dabei der unsäglichen persönlichen Unbill gedenkt, die unsere Vorfahren in diesen endlosen Kriegswirren zu erdulden hatten.
Aber die Opfer waren nicht umsonst gebracht. Denn sie war endlich da, die Wiedergeburt des deutschen Vaterlandes. Der Rhein war wieder frei, die Heimat wieder deutsch!

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Die hier vorgestellten Ansichten entsprechen weder denen der Urheber dieser Internetseite noch möglicherweise dem modernen Stand der Geschichtsforschung.

Wir verweisen auf das einleitende Kapitel zur Erläuterung.