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SCHINDERHANNES UND GENOSSEN Eine Zugabe zur Franzosenzeit Um 1800

Hatten die Kriegsbedrängnisse in unserer Heimat für einige Zeit etwas nachgelassen, so war dafür eine andere Plage entstanden, die nicht weniger schlimm war. Es waren die landfahrenden Strolche, Wegelagerer und Räuberbanden, die unter dem Schutz der Kriegswirren und der allgemeinen Unsicherheit ihr Unwesen trieben. Gauner von Fach, fahnenflüchtige Soldaten und andere Halunken schlossen sich zusammen, bildeten richtige Schnapphahngenossenschaften, raubten Reisende, Postwagen, Warenzüge aus und schlichen sich am lichten Tage in Dörfer und Städte ein. Die Türen wurden mit Rennbäumen eingestoßen, die Wohnungen ausgeraubt und wer sich widersetzte, kaltblütig niedergemacht. In Schupbach fand 1799 ein richtiger “Räuberkongreß“ statt, ein Zeichen, wie sicher sich das Gesindel fühlte.
Der bekannteste und – man darf mit spöttischem Lächeln wohl sagen, – der volkstümlichste von ihnen war unser Landsmann Johannes Bückler, genannt der “Schinderhannes“ geboren 1779 zu Miehlen bei Nastätten -‚ der es durch seine Streiche und Taten zu einer geschichtlichen Berühmtheit brachte, die noch heute nach hundert Jahren nicht erloschen ist. Am meisten gehaßt und gefürchtet dagegen war ob ihrer gemeinen Niedertracht die Neuwieder Räuberbande, die fast nur aus Juden bestand, mit denen der Schinderhannes nichts zu tun haben wollte. Diese Bande hatte sich nicht gescheut, sogar bis in unsere Gegend vorzudringen. Auch St. Goarshausen hatte einmal die zweifelhafte Ehre ihres Besuches. Es war die heutige Zimmermann’sche Mühle in der Hasenbach, die im August 1799 den Spitzbuben zum Opfer fiel. Nach bewährter Räubertaktik hatte man vorher die Juden Leibchen Schloß und Freyem Polak nach St. Goarshausen geschickt, um die Sache auszukundschaften. Als harmlose Bauern verkleidet, schlängelten sich die beiden durch das Hasenbachtal, schlichen um die Mühle herum, beschnupperten sie von hinten und von vorn, merkten sich genau die Fenster und Türen, hörten sich auch hier und da um und erfuhren, – und das war für sie Hauptsache: der Müller hatte Geld im Haus. Sogar einen tüchtigen Batzen. “Der Mann gefällt mer, “ sagte Leibchen Schloß, “Mer komme wie gerufen!“ bestätigte Freyem Polak. Zwar die Lage der Mühle erschien ihnen nicht ganz ungefährlich, da es bei der Enge des Tales nicht so leicht war, wieder zu verduften. Aber die Schilderung der beiden Spießgesellen war so verlockend, daß die Bande beschloß, das Unternehmen dennoch zu wagen.
Man versorgte sich mit Pistolen, Karabinern und Patronen, sowie mit den nötigen Wachslichtern und Knebelstricken, und zog bei Nacht und Nebel auf Schleichwegen los. Der Vorsicht halber hatten sich die Galgenbrüder in verschiedene Haufen geteilt, die sich verabredungsgemäß eines Abends auf dem Wasem unterhalb St. Goarshausen trafen.
Über den Verlauf des Vorfalls berichtete der “Rheinische Antiquarius“ auf Grund späterer Gerichtsakten wie folgt: “Unterwegs stahlen die Gannefs einen Balken, den sie mitschleppten, um damit die Türe der Mühle einzurennen. Äußerst beschwerlich war der Weg, den sie zu nehmen hatten, und die Nacht dabei finster. Der Weg ging eine Viertelstunde lang mitten durch die Hasenbach zwischen Klippen, die von beiden Seiten von Wasser umflossen waren. Bald glitt der eine, bald der andere aus und schlug ins Wasser, so daß die meisten schließlich pudelnaß waren. Als sie vor der Mühle angelangt waren, packten sie ihren Rennbaum und stürmten damit gegen die Tür, bis sie aufsprang.
Die Mühle bewohnten damals die Gebrüder Sauerwein, namens Selbert, Reinhard und Peter Anton. Letzterer war es, der die Ankunft der Räuber zuerst bemerkt hatte. Er war noch nicht zu Bett gewesen und hatte sich zu leichtem Schlummer auf die Bank hingestreckt. Sobald er den Lärm hörte, sprang er auf, öffnete das Fenster und erblickte die Bande, die bereits ihre Lichter angesteckt hatte. Er ahnte was ihnen drohte, weckte seinen Bruder Reinhard, sprang in die Mühle und ergriff ein Hebeisen. Darüber waren die Räuber ins Haus gedrungen. Anton warf sich ihnen entgegen und versetzte dem Häuptling der Bande, Johann Müller, einen so wuchtigen Schlag auf den Kopf, daß er zurücktaumelte.
Kaum sahen sich die Räuber und Herren der Mühle, als sie über die drei Brüder Sauerwein herfielen und sie so fest mit Stricken banden, daß sie noch am folgenden Tage die Zeichen davon trugen. Sowohl den Anton als den Seibert Sauerwein, einen Mann von 63 Jahren, mißhandelten sie. Sie schlugen sie mit Fäusten und traten sie mit Füßen, so daß der letztere am Kopf blutrünstig war.
Eine Menge Lichter hatten die Räuber angezündet und die ganze Mühle erleuchtet. Aus einer tannenen, auf dem Speicher befindlichen Kiste raubten sie 700 Gulden in Laub und Brabanter Thalern, dazu aus einer eichenen Kiste, die sie ebenfalls aufbrachen, wenigstens 200 Gulden in Sechsbätzner, ferner aus einer Schublade im Tisch neben der Wohnstube 100 Gulden in Brabanter Thalern und kleinen Sorten. Außer dem Geld nahmen sie sowohl Leinwand als Zinnernes mit. Fetzer bestimmte den Wert des Geraubten auf 70 bis 80 Karolin.
Beim Abziehen nahm Leibchen Schloß den schweren Geldsack und stieß ihn dem auf der Erde liegenden geknebelten und mißhandelten Reinhard Sauerwein spottend auf den Hintern mit den Worten: “Für dich hier ein L’argent! Nun iß Fleisch!“ Damit verschwanden sie.
Vergebens schossen die Beraubten und riefen um Hilfe, aber niemand erschien. Mehr als jemals befanden sich unterdessen die abziehenden Räuber in einer kritischen Lage. Es war schon spät in der Nacht, der Weg konnte nicht mit Eile zurückgelegt werden. Sie mußten ihn Schritt vor Schritt fortsetzen, um nicht in die Tiefe zu stürzen.
Als sie ans Rheinufer gelangten, mehrte sich sowohl das Ungemach als die Gefahr. Sie schnitten einen Nachen ab und fuhren den Strom hinab, stießen aber plötzlich auf eine Sandbank und fuhren so fest, daß sie mit aller Anstrengung nicht weiter konnten. Ihre Angst war namenslos groß. Sie befürchteten, daß der Morgen anbräche und daß man sie mitten im Strom entdeckte, ohne daß sie flüchten könnten. Anderthalb Stunden schwebten sie in dieser peinlichen Lage. Allgemach begann es in den dunklen Rheintälern zu grauen, die schwarze Nacht verkroch sich in die Klüfte. Kurz entschlossen sprangen einige Räuber in den Strom und begannen den Nachen fortzurücken. Endlich wurden sie wieder flott und setzten ihre Reise fort bis nach Niederlahnstein, wo sie an Land gingen, den Nachen treiben ließen und über den roten Hahn in die Berge flüchteten.“
Diesem Bericht sei erklärend hinzugefügt, daß die ganze Räubergeschichte sich außerhalb der alten St. Goarshäuser Ringmauer zutrug, dazu in der Nacht, wo die braven Bürger den Schlaf des Gerechten schliefen und sich um das, was draußen vorging, nicht kümmerten. Von den Räubern wurde der Müllerhannes, ebenso wie der Jude Fetzer, der eigentlich Mathias Weber hieß und einer der berüchtigsten Raubschinder am ganzen Rhein war, bald darauf geschnappt und in Köln geköpft. Auch die übrigen holte bald der Teufel. Nachdem auch der Schinderhannes, noch nicht 24 jährig, mit 19 seiner Spießgesellen am 21. November 1803 in Mainz von den Franzosen hingerichtet worden war, nahm das Bandenwesen am Rhein allmählich ein Ende.

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Wir verweisen auf das einleitende Kapitel zur Erläuterung.