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Von 1866 bis zum Weltkrieg

Mit dem Preußischwerden war St. Goarshausen in die vierte und diesmal in die glücklichste Zeitspanne seiner Entwicklung eingetreten. Die Kleinstaaterei mit ihrem ewigen Froschmäusekrieg war zu Ende. Ein frischer Wind ging über das ganze Land und verlieh dem alten Baum neue Zweige und Blätter. Versöhnend wirkte dabei, daß im großen Ganzen alles mit Mäßigung vor sich ging. Eingedenk des königlichen Versprechens, die Eigentümlichkeiten des Landes zu würdigen, vollzog sich die Einordnung des bisherigen Herzogtums in den großen preußischen Staat allgemach und schonend. Wenn es auch nicht an Getreuen fehlte, die den alten liebgewordenen Farben Blau-Orange nachtrauerten und die schwarz-weiße Adlerfahne die “Geierfahne“ nannten, so darf doch gesagt werden, daß die Umwandlung sich, dank der preussichen Klugheit, binnen zwei Jahren vollzogen hatte. Schon am 26. September 1867 trat die neue Kreisverfassung in Kraft. Das Amt St. Goarshausen blieb zwar vorläufig bestehen und wurde als solches zum Rheingaukreis geschlagen. Der Amtmann war dem Landrat von Rüdesheim untergeordnet. Erst 18 Jahre später, bei der Neuordnung von 1885, wurde der Kreis St. Goarshausen geschaffen. Die Stadt wurde Sitz des Landrats, der an die Stelle des seitherigen Amtsmanns trat. Das ursprüngliche Fischerdorf war Kreisstadt geworden.

War so die Verwaltung in neue Bahnen gelenkt, so zeigte sich die neue Wende nicht weniger umgestaltend in der Rechtspflege, im Post-, Verkehrs-, Steuer- und Medizinalwesen. Besonders einschneidend war die Erneuerung des Militärwesens. Das unsoziale nassauische Loskauf-Verfahren wurde durch die allgemeine Wehrpflicht ohne Stellvertretung ersetzt und die Truppen neu aufgestellt. Aus dem seitherigen 1. Regiment wurde das 1. nassauische Infanterieregiment Nr. 87 und aus dem 2. Regiment das 2. nassauische Infanterieregiment Nr. 88, jedes zu 3 Bataillonen, gebildet. Die Artillerie wurde dem 11. preußischen (hessischen) Artillerie- Regiment einverleibt.

Ihren alten Waffenruhm von 1808 und 1815 aufs neue zu beweisen, hatten die nassauischen Truppen bald Gelegenheit. Der Krieg von 1870 -71 brach aus. Die siegreichen Tage von Weißenburg und Wörth, die Schlacht von Sedan und der Vormarsch nach Paris sind in der Geschichte der nassauischen Regimenter mit unvergänglichen Lettern verzeichnet. Je ein Bataillon von ihnen nebst einer Batterie der 3. Abteilung vom 11. Artillerieregiment nahmen am Einzug in Paris teil. Gedenken wir jener Zeit, so ziehen an unserem geistigen Auge wieder all die bunten Bilder vorbei, die auch St. Goarshausen in Rausch und vaterländische Begeisterung versetzten. Die Bahnzüge, die die Truppen nach Frankreich führten, mußten in St. Goarshausen halten, die Soldaten wurden mit Ess- und Rauchwaren beschenkt, große Kannen Wein wurden gereicht, wanderten von Wagen zu Wagen und wurden immer wieder gefüllt. Nicht weniger reich wurden die Truppen bedacht, die mit den Rheindampfern vorbeikamen.

Und dann die denkwürdigen Tage, die folgten. Funkspruchmeldungen gab‘s noch nicht, dafür aber Depeschen. An jedem Abend war eine fällig. So saß man erwartungsvoll in den Wirtschaften und vor den Häusern und harrte der Botschaften vom Kriegsschauplatz. Und jedes Siegestelegramm wurde mit unendlichen Trankopfern begossen. Als aber gar der 2. September kam mit der Nachricht von Sedan und der Gefangennahme Napoleons III.‚ da waren die Wände zu eng. Die Begeisterung wollte sich austoben. Der Wirt vom alten Rheinischen Hof rückte Tische und Stühle ins Freie hinaus auf den “Plan“. Dort saßen sie die Nacht durch, Alte und Junge, der Wein floß in Strömen und bis in den Morgen hinein erschallten die Gesänge und das Hochrufen auf das ruhmreiche deutsche Heer und das große freie Vaterland. Und die Buben standen drum herum und brüllten aus Leibeskräften mit:

“Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein!“

Von der Höhe aber schaute die altergraute Katz herab und schüttelte schier ungläubig das Haupt über diese neue Zeit, die so ganz anders war als die kampfschweren, leidvollen Jahrhunderte, die sie durchlebt hatte, Sie ahnte nicht, daß auch solche Zeiten wiederkommen würden.

Nicht weniger groß war der Jubel bei der Rückkehr der Kämpfer im Frühjahr 1871. Die hier durchkommenden Truppen wurden mit Blumen und Liebesgaben aller Art überschüttet, denn die Freude über die Wiedererrichtung des deutschen Kaiserreiches, das in Versailles ausgerufen worden war, und des damit endlich erfüllten Traumes unserer Väter, war unermeßlich.

Daß der siegreiche Tag von Sedan alljährlich am 2. September durch ein großes Volksfest auf dem “Wasem“ gefeiert wurde, war selbstverständlich. Der Gebrauch erhielt sich bis in die achtziger Jahre. Unter Wilhelm II, wurde er “aus wohlwollender Rücksicht auf Frankreich“ eingestellt. Auch sonst gab es noch manche festliche Tage. Am 6. September 1880 – anläßlich einer Truppenübung bei Nastätten hatte St. Goarshausen den Besuch des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, des späteren Kaisers Friedrich II. Er traf mit einem ihm zur Verfügung gestellten Dampfer der Rhenus-Linie ein, wurde vom “Menges‘schen Trajektboot“ abgeholt und am Ufer – vor dem Marktplatz – von einem „Komitee“ begrüßt, wobei der evangelische Dekan die Ansprache hielt. Auch die Freiwillige Feuerwehr hatte es sich nicht nehmen lassen, mit ihrer Spritze zu erscheinen und Spalier zu bilden. Es ereigneten sich an dem Tage verschiedene ergötzliche Episödchen, bei denen unter anderem der biedere Bürgermeister Müller unfreiwilligerweise eine humorige Rolle spielte. Der Kronprinz übernachtete im Neuen Adler am Marktplatz und reiste am nächsten Tag nach Nastätten weiter. (Der Verfasser ds. hat den launigen Tag in seinem Histörchen: “Sehr angenehm, Kaiserliche Hoheit !“ festgehalten. Siehe Anhang!)

Unter dem Kaiserreich erhielt die bauliche und wirtschaftliche Entwicklung St. Goarshausens einen ungeahnten neuen Auftrieb. Bahn- und Schiffsverkehr nahmen täglich zu. Handel und Wandel blühten. Man glaubte schier, das goldene Zeitalter sei über Deutschland gekommen. Daß auch viel Scheingold dabei war, sah man nicht. Nur knapp 50 Jahre dauerte der Frieden, Neid und Mißgunst ließen die Völker nicht ruhen. Unmerklich zogen sich die Fäden zusammen. Die Wellenlinie des Glückes schien für Deutschland sich mehr und mehr zu senken. Das Jahr 1888, das “Drei-Kaiser-Jahr“ war ein dunkler Vorbote. Kaiser Wilhelm 1. starb und 100 Tage später folgte ihm sein Sohn, Kaiser Friedrich III., im Tode. Der junge Wilhelm II. bestieg den Thron. Nach wenigen Jahren entließ er den alten bewährten Piloten des Reichsschiffes, den Fürsten Bismarck, und steuerte selbstherrlich in die Wogen, die immer höher und drohender das Reichsschiff umbrandeten. Bis der große Taifun hereinbrach: der Weltkrieg von 1914-18.

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Wir verweisen auf das einleitende Kapitel zur Erläuterung.