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Der Weltkrieg und seine Folgen

St. Goarshausen unter französischer Knute 1918 – 1929

Die denkwürdigen Tage vom August 1914 kamen. Hoch flammten die Herzen auf und die von Siegeszuversicht getragene Begeisterung ging wie eine mächtige Welle über das ganze deutsche Land. Es war, wie es Bismarck einmal geweissagt hatte: Deutschland flog auf wie ein Pulverfaß. In unaufhörlicher Folge rollten ‘an St. Goarshausen die Bahnzüge vorbei mit Truppen und Kriegsgerät – rollten Tag und Nacht – westwärts – tagelang – wochenlang – ohne Aufenthalt – ohne Ende. Wer dieses unausgesetzte Rollen in den Nächten gehört hat, wird es nie vergessen. Die Soldaten sangen, waren frohen Mutes, versicherten, bis Weihnachten wieder zu Hause zu sein. Die Menschen jubelten ihnen zu und wünschten ihnen glückliche Rückkehr. Auch aus St. Goarshausen eilten viele zu den Fahnen, um ihr Leben für Deutschland in die Schanze zu schlagen.

Die Namen derer, die nicht wiederkehrten, finden wir eingemeißelt auf dem Ehrenmal droben auf dem St. Goarshäuser Friedhof, wo an würdiger Stätte das Andenken an die tapferen Heldensöhne unserer Stadt wachgehalten wird. Vier Jahre lang hielt das unbesiegte deutsche Heer einer Welt von Feinden stand. Unerhörte Heldentaten geschahen und unermeßlich war die Zahl der Tapferen, die ihr Leben für das Vaterland hingaben. Doch die Übermacht der Gegner wuchs von Tag zu Tag, ihre Mittel waren unerschöpflich. Unter der englischen Blockade begann in Deutschland der Hunger immer mehr um sich zu greifen und die Umtriebe der vaterlandsfeindlichen Parteien taten zur Zermürbung des Volkes das ihrige. Die Revolution kam und mit ihr das unselige Ende. Wilhelm II. floh nach Holland. Der Zusammenbruch war da.

Deutschland wurde Republik. Arbeiter- und Soldatenräte beherrschten die Straße. Die System-Regierung trat Ihre Herrschaft an. Dem Waffenstillstand von Compiégne vom 11. November 1918 folgte am 28. Juni 1919 der Friede von Versailles und mit Ihnen all das, was auch unsere engere Heimat in Mitleidenschaft zog.

Unsere raschlebige und an neuen Eindrücken reiche Zeit ist leicht geneigt, die Drangsale und Nöte zu vergessen, die besonders die Besatzungsiahre mit Ihren Begleiterscheinungen über das rheinische Volk gebracht haben. Denn wie so oft im Laufe der Jahrhunderte, war es auch diesmal wieder der Rhein, der die Hauptlast der Ketten, die das Schicksal dem Vaterland auferlegt hatte, tragen mußte.

Die einschneidenste Bestimmung des Waffenstillstandsabkommens war, daß das ganze linke Rheinufer vom Feind besetzt wurde, darüber hinaus aber auf dem rechten Ufer die Brückenköpfe Köln, Koblenz und Mainz gebildet wurden, von denen der erstere den Engländern, der zweite den Amerikanern und der dritte den Franzosen zugewiesen war, wobei später allerdings einige Verschiebungen stattfanden. Die Festlegung der Brückenköpfe hatte sich der Sieger leicht gemacht. Man setzte an den genannten Plätzen den Zirkel an und schlug auf dem rechten Ufer einen Halbkreis mit einem Durchmesser von 30 Kilometern. Außerdem wurde ein Streifen von 50 Kilometern längs des ganzen rechten Rheinufers entmilitarisiert. In dieser Zone sollte nach dem Willen der Sieger auf ewige Zeiten nie mehr ein deutscher Soldat in Garnison liegen.

St. Goarshausen mit seinem Hinterland geriet auf diese Weise zum Brückenkopf Koblenz, dessen Besatzungsdauer vorläufig auf 10 Jahre bemessen war. Das östliche Ende des Halbkreises stieß zwischen St. Goarshausen und Kaub (am Roßstein) auf den Rhein. Während die rheinaufwärts gelegenen Orte Kaub, Lorchhausen und Lorch durch den geometrischen Zufall – der Mainzer Bogen reichte nicht so weit – verschont blieben, wenigstens vorläufig, – sie gehörten zu dem vielbeneideten und humoristisch gefärbten “Freistaat Flaschenhals“ – hatte St. Goarshausen als besetztes Gebiet all die Widerwärtigkeiten zu ertragen, die die Besatzung im Gefolge hatte. Der Umstand, daß in unserem Städtchen zwei tiefeingeschnittene, die Verbindung zwischen Westen und Osten bildende Seitentäler münden, brachte es mit sich, daß St. Goarshausen mit dem gegenüberliegenden St. Goar immer eine gewisse strategische Bedeutung hatte. Schon in Friedenszeiten hatten eiserne Pfeiler die Uferstelle – kurz oberhalb — des Bahnhofs- bezeichnet, an der im Kriegsfalle eine Brücke errichtet werden sollte. Zum erstenmal waren im Kriegsmanöver 1905 die Regimenter des 8. Armeekorps hier über den Rhein gegangen. Als der Weltkrieg ausbrach, hatten schon im August 1914 deutsche Pioniere eine neue Brücke geschlagen, die im Laufe des Krieges wieder zum Teil abgebaut wurde, denn daß auf dieser Brücke einmal zurückflutende deutsche Krieger und hinter ihnen feindliche Truppen den Strom überschreiten würden, war eine schmerzliche Überraschung, die niemand für möglich gehalten hatte. Wir folgen hier dem Augenzeugenbericht, den das Institut Hofmann in seiner Denkschrift von 1928 über jene Zeit gebracht hat.

“Die Ungewißheit, in der wir im letzten Sommer des letzten Kriegsjahres über die Ereignisse an der Front gelebt hatten, machte einer tiefen Niedergeschlagenheit Platz, als die ersten Gerüchte über die unheilvolle Wendung des Krieges zu uns drangen. Als Vorboten des Unglücks betrachteten wir die Flugzeuge, die von der Westfront kamen, und die Kraftwagen mit roten Kommunistenfahnen, die in jäher Hast durch unsere Straßen fuhren.
Was uns bevorstand, ließ sich mit einiger Sicherheit voraussehen, als am 16. November 1918 eine deutsche Pionierkompanie mit Musik auf dem Schulhof des Instituts erschien und dort ihre Fahrzeuge und Feldküche aufstellte. Kurz darauf traf eine zweite Kompanie auf dem äußeren Spielplatz ein. Am 24. November 1918 stand die Pontonbrücke, festlich mit Fahnen und Tannengrün geschmückt: zum Empfang der über die Hunsrückhöhen heimkehrenden Krieger bereit. Ein Teil der Armee von der Marwitz sollte bei uns den Rhein überschreiten. Nicht ohne Besorgnis sahen manche Bürger den zurückflutenden Heeren entgegen. Zur Ehre unserer braven Fronttruppen – denn nur solche sind an uns vorübergezogen – sei ausdrücklich hervorgehoben, daß die Haltung der Leute durchaus musterhaft und von einer Demoralisation nicht das geringste zu spüren war.

Am 27. November, um 3 Uhr nachmittags, trafen die Spitzen der 5. Armee und der Stab des Infanterie-Regiments Nr. 77 von begeisterten Zurufen begrüßt, an der Brücke ein. Sieben Tage und sieben Nächte sahen wir nun in kurzen Abständen Regimenter und Kolonnen an uns vorüberziehen, Landeskinder aus Süd und Nord, aus Ost und West, Württemberger, Hannoveraner, Schlesier, Westfalen, darunter viele die hier zum erstenmal den deutschen Rhein in seiner ganzen Schönheit erblickten. Es war ein erhebendes und zugleich tief ergreifendes Schauspiel für deutsche Herzen. Einen geradezu überwältigenden Eindruck machte es, wenn die Krieger bei Nacht im Schein der elektrischen Lichter und unter den Klängen der “Wacht am Rhein“ die Brücke überschritten.“

Unversehrt, wie er sie einst verlassen, als die Trommel schlug, fand der heimkehrende deutsche Frontsoldat die Heimat wieder. Unberührt ragten ihre Dome, unberührt rauschten ihre Wälder, unberührt brannten ihre Herdfeuer. Es folgten für uns mehrere Tage in banger Erwartung dessen was die Zukunft bringen würde. Da der Verkehr mit dem linken Rheinufer eingestellt war, waren wir auf Gerüchte angewiesen. Wir hörten, daß wir dem Festungsbezirk Koblenz zugeteilt werden sollten. Von unserem Ufer aus konnten wir die in dichten Massen am jenseitigen Ufer lagernden amerikanischen Truppen erkennen. Die ersten fremdartigen Signale und Kommandorufe drangen zu uns herüber. Auf dem Hotel Rheinfels drüben wurde das Sternenbanner entfaltet. Nach allen diesen Anzeichen rechneten wir damit, eine amerikanische Besatzung zu erhalten.

Da eröffnete am 13. Dezember Bürgermeister Herpell den versammelten Hausbesitzern, daß unsere Stadt voraussichtlich eine französische Besatzung erhalten werde. In der Nacht vom 14. auf den 15. Dezember 1918 wurden alle öffentlichen Uhren um eine Stunde zurückgestellt. Am Abend trafen die ersten französischen Patrouillen von Nastätten her ein, um die Ausgänge, unserer Stadt zu besetzen. Das Betreten der Straße nach 9 Uhr abends wurde den Bürgern verboten. Am folgenden Tag fuhren französische Panzerautos auf unserem Schulhof auf. Ihre Mannschaften wurden zum Teil in den Institutsgebäuden untergebracht. Das Lehrerzimmer wurd Schreibstube, das Händewaschzimmer Arrestlokal. Auf dem Platz, wo vor einem Monat deutsche Soldaten zum Appell antraten, rückte unter den Klängen ihrer eigenartigen Muik eine Kompanie des 1. Zuavenregiments ein. Ihre Leute übten Wendungen und Griffe. Am 20. Dezember um 2 Uhr nachmittags wurde in Gegenwart der dazu befohlenen deutschen Behörden die französische Trikolore auf dem Kreishause von St. Goarshausen gehißt und damit offiziell zum Ausdruck gebracht, daß wir unser Städtchen von diesem Augenblick an als besetzt zu betrachten hätten.

Unter der Fülle der sich überstürzenden neuen Eindrücke waren wir in den ersten Tagen kaum zur Besinnung gekommen. Erst allmählich gelangten wir aus dem Zustande dumpfer Betäubung zur Erkenntnis unserer Lage. Von unserer Umgebung abgeschnitten – selbst die Milch- und Gemüselieferanten konnten nicht mehr zu uns gelangen – wurde die Nahrungsmittelversorgung immer schlimmer.

Unsere Hoffnung, das Weihnachtsfest in aller Stille feiern zu können, erfüllte sich leider nicht. In St. Goar hatten sich inzwischen große Truppenmassen angesammelt, die anscheinend nur darauf warteten, übergesetzt zu werden, da mehrere Dampfer am jenseitigen Ufer vor Anker lagen. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgten wir alle Vorgänge. Wir beobachteten, wie der erste Dampfer sich mit Truppen füllte, wie er sich von der Landungsbrücke drüben löste und auf unsere Seite zusteuerte. Nun war kein Zweifel mehr möglich. Bald bedeckte sich der Platz vor dem Institut mit Geschützen und Fahrzeugen. Auf das erste Schiff folgte ein zweites und so ging es weiter in die Weihnacht hinein.

Wir fragten uns entsetzt, wo alle diese Massen untergebracht werden sollten, da unser Städtchen bereits überfüllt war. Aber das Geschick war uns diesmal gnädig. Die Geschütze wurden bespannt und fuhren in die umliegenden Dörfer des Hinterlandes. In welcher Stimmung wir dieses Weihnachtsfest feierten, ist schwer zu beschreiben. In die Klänge unserer Weihnachtslieder mischte sich das Getöse abfahrender Batterien, das von allen Seiten zu uns drang. Eine neue Sorge bereitete uns die immer näher rückende Gefahr des Hochwassers. Der Rhein erreichte den Rand des Ufers und machte die weitere Überführung von Truppen unmöglich. Die Keller füllten sich mit Wasser. Auf dem überfluteten äußeren Spielplatz fuhren französische Pioniere ihre Pontons spazieren. Es bedurfte nicht mehr des Mangels an Kohlen und des Versagens des elektrischen Lichtes, auch ohne diese schlimmen Zugaben würden die letzten Tage des unheilvollen Jahres 1918 unserem Gedächtnis eingeprägt bleiben.

Am 27. Dezember erschien Bürgermeister Herpell in Begleitung zweier französischer Offiziere, die ein geeignetes Quartier für ihren Divisionsgeneral suchten, in unserer Privatwohnung. Die Räume fanden ihren Beifall und wurden sofort in Beschlag genommen. Im ersten Stockwerk unseres Hauses wurde der General mit seinem Adjutanten untergebracht, in den unteren Räumen die “Popote“(Menage) des Divisionsstabes eingerichtet. Ein französischer Küchenchef zog mit seinem Stabe in unsere Küche ein, wo er beinahe zehn Monate hindurch mit einer deutschen Köchin auf dem gemeinsamen Schauplatz unseres Küchenherdes seine nahrhafte Kunst ausübte. Grenzstreitigkeiten zwischen beiden Teilen kamen zum Glück nicht vor. Die Klassenzimmer in dem Schulgebäude, an dessen Eingang ein Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr stand, wurden in Diensträume der Division umgewandelt. Die Tür des Lehrerzimmers trug die Aufschrift: “Bureau du général“. Das Direktionszimmer wurde Büro des Chefs des Stabes. In den Räumen der Turnhalle wurden Massenquartiere eingerichtet. An eine Wiederaufnahme des Schulbetriebes war unter diesen Umständen nicht zu denken. Die ersten Tage des neuen Jahres brachten einiges Licht in das Dunkel unseres Daseins. Das Hochwasser kam zum Stehen und General Marchand – derselbe, der im Jahre 1908 im Sudan dem englischen General Kitchener gegenüber gestanden hatte – erklärte sich bereit, uns einige Klassenzimmer zur Verfügung zu stellen, so daß wir den Schulbetrieb, wenn auch unter beschränkten Verhältnissen, wieder eröffnen konnten.

Am 10. Januar 1919 wurde unter großem militärischen Gepränge in Gegenwart des Oberkommandierenden, die ‘französische Rheinbrücke“ eingeweiht. Am 27. Januar verließ uns die 18. Division, an deren Stelle die 15. Division ihren Einzug hielt. Die Gebäude der Anstalt bildeten den Mittelpunkt des militärischen Lagers. In dem Saale der Turnhalle, der als Soldatenheim diente, wurden Konzerte und Theatervorstellungen veranstaltet, auf dem Schulhofe spielte zweimal in der Woche eine Regimentskapelle. Er bildete auch den Schauplatz für Paraden und Besichtigungen, sowie für Kinovorstellungen unter freiem Himmel. Sogar die beiden Obstbuden traten in französische Dienste. Zeitungen und Pariser Modejournale (!) wurden in ihnen zum Verkauf ausgestellt. In den unteren Räumen der Turnhalle wurde ein Magazin für Lebensmittel eingerichtet. Ein lebhafter Verkehr von Fahrzeugen entwickelte sich hier an den Tagen, an denen Lebensmittelempfang stattfand. Der Fußballplatz des Instituts bedeckte sich mit Holzschuppen, die mit Vorräten gefüllt waren. Der Tennisplatz wurde zum Pferdestall. Der äußere Spielplatz am Rhein diente den Mannschaften als Sportplatz und den Offizieren als Reitbahn. So waren nach und nach fast alle Einrichtungen der Schule ihrem ursprünglichen Zweck entzogen worden.“

Der Bericht schildert dann noch die Absicht der Franzosen, die gesamten Institutsgebäude zu erwerben, um sie als Kaserne für 400 Mann einzurichten. Die welschen Herrschaften hatten also die Absicht, sich in dieser schönen Gegend, die Ihnen so gut gefiel, dauernd einzunisten. An ein Weggehen dachten sie offenbar nicht mehr. Man stelle sich vor: St. Goarshausen eine französische Garnison!

Da kam wie eine Erlösung Mitte September 1919 die Nachricht, daß das für St. Goarshausen vorgesehene Regiment einen anderen Standort erhalten werde. Die größte Gefahr war damit gebannt. Die Truppen zogen auch bald darauf ab, aber die Stadt blieb bis zum Ende der Besatzungszeit (1929) der Kontrolle der französischen Militärbehörden, an deren Spitze die St. Goarer Kommandantur stand, unterworfen. Wenn es in dieser schicksalsschwangeren Zeit nicht zu gröberen Zusammenstößen kam, so ist das dem ruhigen und treudeutschen Verhalten unserer Bevölkerung zu verdanken, die jeder näheren Berührung mit den Eindringlingen aus dem Wege ging, was nicht immer leicht war, denn auch eine größere Zahl Bürgerquartiere waren von den Welschen beschlagnahmt worden.

Zu den militärischen Bedrückungen kamen die persönlichen, wirtschaftlichen und seelischen Nöte. Die den „Brückenkopf“ bildende Zone war von dem übrigen Deutschland zolltechnisch abgesperrt. Was darüber hinaus lag, war Ausland und wurde als solches behandelt. Die wirtschaftliche Schädigung, die daraus entstand, war ungeheuer. Natürlich blüte der Schmuggel, aber er war mit Lebensgefahr verbunden. Wehe demjenigen, der einen Sack Kartoffeln oder ein Pfund Butter über die “Grenze“ mogeln wollte. Er lief Gefahr, erschossen zu werden. Und doch war die Ernährungsnot, namentlich in den ersten Jahren entsetzlich.

Nicht weniger behindert war der Personverkehr. Wer in das besetzte Gebiet hinein oder hinaus wollte, brauchte einen Pass, und der wurde nur in nachweislich dringenden Fällen und auch dann nicht immer bewilligt. Sterbefälle wurden als nicht dringlich angesehen. Dazu kam die Briefsperre und die Zeitungsüberwachung.

In Berlin stritten Marxisten, Spartakisten und Bolschewisten um die Herrschaft. Das Rheinland, seit 2000 Jahren deutsches Land, sah sich vom Vaterland verlassen und den fremden Soldaten preisgegeben. Am schlimmsten wurden die Verhältnisse nach dem Ruhreinbruch der Franzosen und Belgier im Januar 1923. Die Inflation kam mit ihren verheerenden Folgen. Die Preise wurden unerschwinglich. Da von Berlin keine Hilfe erfolgte, und es an Papiergeld, namentlich an Kleingeld fehlte, schritten die Gemeinden zur Selbsthilfe Sie druckten ihre Banknoten selber. Das Notgeld entstand. Auch St. Goarshausen hatte sich eine eigene Münzhoheit geschaffen und ließ eine Reihe von Geldscheinen vom Buchdrucker Usinger herstellen.

Nicht vergessen wollen wir auch eine Sache, die trotz allen Ernstes wie ein Possenspiel anmutete und deshalb ein befreiendes Lachen in die trübe Zeit brachte, nämlich die nach dem Ruhreinbruch eröffnete französische-belgische Eisenbahn-Regie. Der „Passive Widerstand“, der in den rheinischen Landen verkündet wurde, hatte zur Folge, daß der Bahnbetrieb staatsseitig eingestellt und sämtliche Bahnbedienstete, soweit sie zum Reich hielten, ihre Posten verließen. Notgedrungen mußten sie durch französische Zugbeamte ersetzt werden. Was diese sich geleistet an Bahnverwirrungen, Verspätungen, Zusammenstößen, Entgleisungen und anderen Heldentaten, würde ganze Bände füllen. Wem etwas an seinem Leben lag, fuhr nicht mehr, und wer es dennoch tat, hatte als Zugabe mit den Scherereien zu rechnen, deren Opfer er wurde.

Der Verfasser dieses Berichtes erinnert sich, daß er eines Tages, von Norddeutschland kommend, über Frankfurt nach St. Goarshausen, also ins besetztes Gebiet fahren wollte. Wohlgemerkt mit einem falschen Pass. Eine andere Einreisemöglichkeit gab es nicht. Da kein Zug ging, auch vorläufig keiner in Sicht war, mußte er die linksrheinische Strecke benutzen. An der Grenzstation Goldstein (zwischen Frankfurt und Mainz) hieß es: “Raus! Umsteigen auf die Regiebahn!“ Es mußte eine neue Fahrkarte gelöst werden, aber in französischen Franken. Er hatte aber nur deutsches Geld bei sich. Guter Rat war also teuer. Der Regiezug rüstete sich schon zur Abfahrt. Da erhielt er von einem Schaffner einen heimlichen Wink. Und siehe, in einer Versenkung des Bahndammes hatte sich hinter einem Lattenverschlag eine alte Vettel niedergelassen, – die ihm die deutsche Mark in Franken wechselte, dabei aber 30 % Schmuh machte. Einerlei! Her mit dem Zaster! Ich muß mit! – Bald darauf Zolluntersuchung in Kastel. Sämtliche Gepäckstücke auf den Bahnsteig! Öffnen! Auspacken! Die Douaniers erscheinen, wühlen in den Sachen herum, schmeißen sie kunterbunt auf den Bahnsteig, beschlagnahmen hier, beschlagnahmen da, wie es ihnen gerade passt. Eine Frau sucht ihre Kleinigkeiten wieder zusammen, wird aber nicht rechtzeitig fertig. Einerlei. Die Regiemaschine tutet. Der Zug setzt sich in Bewegung. Die Frau schreit. Die Franzmänner grinsen. Der Zug ist weg … .

Nach diesem kleinen Stimmungsbildchen geziemt es sich, auch der ernsteren Seite dieser Zeit zu gedenken. Viele tausende deutsche Männer wanderten in die Gefängnisse. Eine ganze Reihe von Beamten, staatliche und städtische, wurden wegen Dienstverweigerung ausgewiesen. Andere mussten um der Haft zu entgehen, nachts über die “Grenze“ in das unbesetzte Gebiet flüchten.

Auch von der Kreisverwaltung St. Goarshausen wurden im Frühjahr 1923 der Landrat Niewöhner, der Kreisobersekretär Schönfeld, der Kreisausschuß-Obersekretär Werner und der Angestellte Koch ihres Dienstes enthoben und ausgewiesen. Die Geschäfte des Landrats übernahm in dieser schweren Zeit, als verschiedene Mitglieder der Kreiskörperschaften den Posten abgelehnt hatten, der über 60 Jahre alte Bürgermeister und Kreisdeputierte Wiegand aus Himmighofen. Der allgemeinen Verwaltung stand der Kreisausschuß-Inspektor Quass vor. Die Finanzverwaltung und Führung der Kassengeschäfte lag in den Händen des Rentmeisters Hartenfels. Ihnen stand eine Reihe pflichttreuer Beamten und Angestellten zur Seite.

In St. Goar war von den Franzosen eine eigene Lotsenstation für ihre „Rheinflotte“ errichtet worden. Das Allertollste aber aus jener Zeit haben wir uns bis zuletzt vorbehalten: Den Separatistenputsch. Davon möge das nachfolgende Kapitel erzählen.

Der Separatistenputsch in St. Goarshausen 1923 – 1924

Von der Zeit des Separatismus ist nun zu berichten: Es ist nicht unsere Aufgabe, hier die Geschichte der separatistischen Bewegung zu bringen und die Fäden aufzuzeigen, die vom rheinischen “Zentrum“ dabei gesponnen wurden. Wir wollen nur die Ereignisse in der Folge festhalten, die sich in unserem Städtchen abgespielt haben und die eine der dunkelsten Begleiterscheinungen der Besatzungsnöte bildeten.

Schon bald nach dem Waffenstillstand von Compiégne hatten sich Anzeichen einer Bewegung bemerkbar gemacht, die darauf hinausging, unter dem Losungswort “Los von Preußen“! aus den Rheinlanden einen selbständigen Bundesstaat zu bilden, der angeblich im Verband des deutschen Reiches bleiben sollte. Der Haupträdelsführer der Bewegung war Dr. Adam Dorten zu Wiesbaden, ein aus Endenich bei Bonn stammender ehemaliger Staatsanwalt, ein ehrgeiziger Mann, der unter Beistand zweier “Kompicen“, eines gewissen Smeets, Gelegenheitsarbeiter aus Bonn, und eines gewissen Matthes, Redakteur aus Würzburg, die Berufung in sich fühlte, das Rheinland aus den “preußischen Klauen“ zu befreien. Um dieses Ziel zu erreichen, brauchte er eine ihm ebenbürtige “Truppe“. Und siehe, sie kamen aus allen Löchern und Schlupfwinkeln heraus, alle, die Morgenluft witterten, und scharten sich um ihn.

In der Nacht vom 31. Mai zum 1. Juni 1919 wurde durch Zettelanschlag in Wiesbaden die Gründung der “Rheinischen Republik“ ausgerufen mit dem schönen Satz: “Es wird eine selbständige Rheinische Republik im Verbande des Deutschen Reiches als Friedensrepublik errichtet, die das Rheinland, Alt-Nassau, Rheinhessen und die Rheinpfalz umfaßt.“ Vorläufig sollte die neue Regierung ihren Sitz in Wiesbaden haben, später in Koblenz. Präsident war natürlich Herr Dorten.

Die Zettel klebten nicht lange. Schon nach wenigen Stunden waren sie abgerissen und der Generalstreik verkündet, der aber am gleichen Tage wieder von den Franzosen verboten wurde. Die empörte Bevölkerung ließ sich aber nicht irre führen. Am 4. Juni wurde das von den neuen “Ministern“ besetzte Präsidialgebäude der preußischen Regierung vom Volk gestürmt und die „hohen Herren“ zum Haus hinausgeworfen. Um ihre Haut zu retten, flüchteten sie unter die Bajonette der französischen Besatzung, worauf “Waffenstillstand“ eintrat. Der Wiesbadener Volkswitz hatte auf diesen “Rausschmiß“ ein launiges Spottlied gedichtet, dessen erste Strophe hier wiedergegeben sei:

“Als der Dorten mit Konsorten zur Luisenstraße zog,
und von dorten durch die Pforten wieder auf die Straße flog.
ei, das war ein großes Fest! Freitagabend ist’s gewest!
Da gab’s Hiebe nur aus Liebe für den neuen Freistaat West!“

Der französische Admlnistrateur, von dem unerwarteten Ausbruch des “Furor teutonicus“ überrascht, erklärte seine Neutralität. Der Putsch war zwar vorläufig zusammengebrochen, aber Dorten wühlte unterirdisch weiter, auf die richtige Zeit wartend.

Diese Zeit kam leider allzu bald. Die Besetzung des Ruhrgebietes, die Unterdrückung der politischen Freiheit, die Parteikämpfe im Reiche, die Verelendung durch die Feldentwertung – alles dies hatte dem Separatismus den Boden bereitet. Als dann noch durch die Ausweisungen das rheinische Volk seiner Führung beraubt war, glaubten die Separatisten ihre Zeit für gekommen, denn von den Berliner Regierungsmännern, die sich selber nicht helfen konnten, war für das Rheinland keine Hilfe zu erwarten.

Um diese Zeit hatte Dorten einen neuen Genossen gefunden, einen von ganz besonderem Zuschnitt: P a u l Mey e r, einen Kaufmann, aus Koblenz gebürtig, der sich vom Kriegsdienst gedrückt hatte, indem er sich verrückt stellte, nebenbei vom Landgericht Duisburg wegen Spionage zu Gunsten Frankreichs zu 7 Monaten und 2 Wochen verurteilt gewesen war, aber sich unter französische Fittiche gerettet hatte. Dieser Herr hatte sich zum Schauplatz seiner Taten das Städtchen St. Goarshausen erwählt, das ihm als der Ort der Verheißung erschien, wo für ihn Gold zu graben war.

Da man in St. Goarshausen ahnte, daß das Kreishaus das erste Angriffsziel der beutegierigen Horde sein würde, hatte man schon im Laufe des Oktobers 1923 eine Anzahl Landjäger zur Verteidigung herangezogen und im Verein mit Beamten und Angestellten einen regelrechten Tag -und Nachtwachdienst eingerichtet. Das passte aber den Franzosen nicht. So wurde denn, als sie auf den Widerstand der deutschen Behörde stießen, den Landjägern von dem französischen Kreisdelegierten der Befehl erteilt, im Falle der Besetzung des Kreishauses sich jeglichen Gebrauches der Waffen zu enthalten. Das Feld für die Separatisten war damit geebnet.

Und wirklich, sie kamen. Am 31.Oktober 1923, morgens um sechs einhalb Uhr- die Landjäger waren gerade beim Morgenkaffee – erschien vor dem Kreishaus ein Lastwagen mit einer Horde von 5o, mit Maschinengewehren, Karabinern, Äxten, Revolvern und Handgranaten bewaffneten Gestalten, an ihrer Spitze der Rädelsführer Paul Meyer. Unter Entfaltung der grün-weißen Fahne und gewaltigem Siegesgeheul schickten sie sich an, das Kreishaus zu stürmen. Sofort warfen sich die Landjäger dazwischen, wurden aber, da zu gering an der Zahl entwaffnet.

Unter den Schlägen der schweren Äxte flogen die Türen und Fenster ein und das Haus wurde besetzt. Meyer richtete sich stolz im Büro des ausgewiesenen Landrats ein, denn er war jetzt wohllöblicher Kreiskommissar von St. Goarshausen. Seine Spießgesellen untersuchten unterdessen das Haus nach Beute, als Belohnung für die eroberte Festung.

Inzwischen waren die Beamten erschienen. Rentmeister Hartenfels hatte seinen Hut noch nicht abgelegt, als er schon von den Schnapphähnen angefallen wurde. Er solle sofort die Schlüssel zum Kassenschrank herausrücken. Als er dies verweigerte, wurden ihm mit vorgehaltenem Karabiner in Gegenwart des Angestellten Erlenbach die Schlüssel aus der Tasche gerissen. Glücklicherweise befand sich in dem Kassenschrank nur etwas Notgeld. Alles andere war in sicherem Versteck. Die Diebsgesellen rümpften die Nase. Nur Papier? Warum kein Gold? Aber einerlei – her mit dem Zaster! Besser Notgeld als gar nichts, Sie grapschten zu, fielen übereinander her und es dauerte nicht lange, so hatten sich die Revolverbrüder bei den Haaren und schlugen sich um die Papierschnitzel die Nasen platt.

Ihr Häuptling Meyer ließ sie gewähren. Er hatte wichtigeres zu tun, denn es sollte jetzt die “Hauptstaatsaktion“ erfolgen. Sämtliche Beamten und Angestellten des Kreishauses sollten auf die “Rheinische Republik“ schwören und ihre Arbeitsbereitschaft für diese erklären. Trotz Drohungen und versprechungen des Bandenführers Meyer wurde das verräterische Ansinnen einmütig zurückgewiesen und zugleich das sofortige Einziehen der grün-weißen Separatistenfahne verlangt, andernfalls würde man die Diensträume nicht mehr betreten.

Dem Häuptling verschlug es die Stimme. Das war offene Auflehnung gegen die frisch gebackene “Rheinische Republik“ Drauf, Brüder! Eine Schlägerei entstand. Der Angestellte Bärz wurde schwer mißhandelt. Dem alten Kreisdeputierten Wiegand, der schlichtens dazwischentreten wollte, wäre durch einen Kolbenschlag der Kopf zerschmettert worden, hätte nicht der Türrahmen den Schlag aufgefangen. Sämtliche Beamten und Angestellten verließen unter Protest das Haus. Mittlerweile hatte die Bevölkerung von den Geschehnissen Kenntnis erhalten. Empörung auf allen Gesichtern. Etwa 300 Bürger und Arbeiter hatten sich vor dem Kreishause versammelt, um den Räuberhauptmann mit seinen Spießgesellen aus dem Haus herauszuhauen. Doch eine Abteilung Marokkaner mit aufgepflanztem Seitengewehr und einem Maschinengewehr kamen im Eilschritt heran und drohte gegen die Belagerer vorzugehen. Gegen diese geschlossene Macht, die sich schützend vor dem Kreishaus aufpflanzte, konnten die unbewaffneten Leute nichts ausrichten, so sehr sie auch aufmurrten. Dem Kraftwagenführer Fritz Greiff wäre bei dieser Gelegenheit von einem Marokkaner mit einem Rasiermesser der Hals durchschnitten worden, wenn nicht ein vernünftiger französicher Sergant die Bestie zurückgerissen hätte. Noch eine Reihe anderer Untaten geschah in dieser Zeit. Der schwer kriegsbeschädigte Finanzamtsleiter Dr. Chrysant wurde auf offener Straße verhaftet und in viehischer Weise auf einen Lastkraftwagen geworfen. Den Finanzamtsangestellten Becker ließ man ebenfalls festnehmen und sperrte ihn unter Drohungen und Mißhandlungen in den Keller des Kreishauses ein. Inzwischen waren Rentmeister Hartenfels und Kreisamtsinspektor Quass heimlich auf Schleichwegen nach Frankfurt geeilt, um von der Regierung Rat und Hilfe zu erbitten, wurden aber totz aller Vorstellungen von der ohnmächtigen Behörde zurückgeschickt, mit der Weisung, die Verwaltung wieder in die Hand zu nehmen. Sie verlegten dann die Kreisverwaltung in die Bürgermeisterei, und als dies nicht mehr ging, versuchten sie die Geschäfte von Braubach aus weiter zu führen, was aber von dem Häuptling Meyer ebenfalls verboten wurde. Er tat noch ein übriges, er ließ auf den Kopf des Hartenfels eine Prämie von 1000 Franken aussetzen, so daß dieser mit seiner Familie flüchten und sich verborgen halten musste.

Die Schreckensherrschaft des St. Goarshäuser Robespierre wütete weiter. Dem Bürgermeister Herpell und dem Stadtverordnetenvorsteher Fritz Maus wurde das Arbeiten in der Bürgermeisterei untersagt. Die Kreisbeamten Quass und Löhrer wurden verhaftet. Ebenso wurde der Vater des geflüchteten Angestellten Schütz festgenommen und so lange als Geisel festgehalten, bis der Sohn sich selbst zur Verhaftung gestellt hatte. Quass, Löhrer und Schütz wurden nach vielen Verhören und Bedrohungen mit Erschießen nach Koblenz in Haft gebracht und dann ausgewiesen. Während der ganzen Haftzeit mußten sie auf dem Boden schlafen. Der Vorsteher des Kreisamtes, der alte Bürgermeister Wiegand, der schon einmal verhaftet war, mußte sich vor den brutalen Machthabern versteckt halten. Die übrigen Mitarbeiter waren in alle Winde versprengt.

Aber die Tätigkeit des Räuberhauptmanns Meyer war damit nicht erschöpft. Vor allem wollte er Geld haben, Geld! Wozu wäre er denn in diese gesegnete Gegend gekommen? Aber Bargeld war nicht da, und das amtliche Notgeld war bereits gestohlen. So ließ er denn kurzerhand in der dem Kreishaus gegenüberliegenden Usingerchen Druckerei die kreisamtlichen Klischees beschlagnahmen und auf eigene Faust Notgeld drucken. Die Notenpresse kam nicht zur Ruhe. Daß bei dieser Finanz-Herrschaft allerhand Unsinn zustande kam, war unausbleiblich. So erschien schon bald folgende Bekanntmachung:

  Rheinische Republik
  Kreis St. Goarshausen
  Wir machen hierdurch bekannt, daß bei dem Druck der
  Ein-Billionen – Scheine
  des Kreises St. Goarshausen ein Druckfehler ist. Die Gültigkeitsdauer ist bis 1. April 1924 und nicht wie auf den Scheinen angegeben ist 1. April 1923.
Die Scheine haben Gültigkeit und sind in Zahlung zu nehmen. St. Goarshausen, den 9. November 1923
  Der Kreiskommissar
  Paul Meyer

Zwar hatte die rechtmäßige Kreisverwaltung unter dem Kreisdeputierten Wiegand den Bürgermeistern von Privaten Stellen aus fernmündlich mitteilen lassen, daß das von Meyer gedruckte Notgeld ungültig sei, aber dieser ließ die Geschäftsleute – namentlich auf dem Land – mit Gewalt zur Annahme seines Geldes zwingen. Und wer sich weigerte, dem wurden Waren einfach weggenommen. Es gab Leute, die ganze Berge von dem falschen Notgeld hatten und an den Ruin kamen. Zwischendurch hatte die rechtmäßige Kreisverwaltung, da die Klischees gestohlen waren, neues Notgeld in Braubach und Nastätten drucken und im Dunkel der Nach nach St. Goarshausen schaffen lassen. Wie groß die Verwirrungen und wirtschaftlichen Nöte in dieser Zeit waren, läßt sich denken.

Aber alle seine Mätzchen führten den Briganten Meyer nicht zum Ziel. Der Widerstand der Bevölkerung gegen seine beglückenden Taten war zu groß. Sein Diebsgeld wurde verweigert. Schon Anfang 1924 war er so weit, daß er seine Garde nicht mehr beköstigen und bezahlen konnte. Die Folge war, daß sie über Ihn herfielen und ihn verdreschen wollten. In seiner Not rief er die Hilfe der Franzosen an, die den größten Teil der Bande entwaffneten und abführten. Die meisten sollen in die Fremdenlegion gesteckt worden sein. Ein kleiner Teil hielt sich bis zum Schluß des Putsches Im Kreishaus und verschwand dann mit dem Häuptling Meyer heimlich über Nacht.

Denn nur noch wenige Tage hatte die Komödie Bestand. Als am 9. Januar 1924 der Heinz Orbis in Speyer erschossen worden war und man am 12. Februar in Pirmasens das Bezirksamt mit Petroleum begossen und in Brand gesteckt hatte, wobei der separatistische “Regierungskommissar“ Schwaab mit 15 seiner Spießgesellen in den Flammen umkam – nach diesen Verzweiflungstaten des gepeinigten rheinischen Volkes, die selbst die Engländer und Amerikaner aufrüttelten, rückten die Franzosen vom Separatismus offiziell ab und die ganze Bewegung hatte ihr schmähliches Ende gefunden. Die “Rheinische Republik“ war tot.

Die Männer der Berlinar Regierung hatten sich in jener rheinischen Leidenszeit kein Ruhmesblatt erworben. Ganz auf sich selbst gestellt, aus eigener Kraft hat sich das rheinische Volk vom Separatismus befreit. Dabei waren die wirtschaftlichen Opfer des Abwehrkampfes nicht weniger groß als die seelischen Nöte. Allein der Kreis St. Goarshausen hatte zur Bezahlung der Separatistenschäden über 300.000 Goldmark aufzubringen, wozu noch an 200.000 Goldmark Separatistengeld kamen, die bei den Oberpostdirektionen Frankfurt und Koblenz unverwertbar lagen. Hätte der Kreis sämtliche durch das von Meyer gedruckte Notgeld verursachten Schäden zu vergüten gehabt, so hätte eine Million Goldmark nicht ausgereicht. Als sichtbare Erinnerung hinterließ er ein im Innern völlig zerstörtes und verschmutztes Kreishaus und ein im Chausseegraben liegendes, zertrümmertes Kreisauto. Mehrere Schreibmaschinen, die er hatte mitgehen heißen, wurden später verrostet aus dem Rhein gefischt.

Das war das Ende der „ruhmreichen“ Regierung des Separatistenkommissars Paul Meyer in St. Goarshausen. Er wurde am 22. Januar 1935 im Saargebiet, in das er geflüchtet war, durch einen deutschen Polizeibeamten erschossen. Der Oberhäuptling Dorten hatte sich in Frankreich in Sicherheit gebracht.

Die Systemzeit und ihr Ende 1918 — 1930

Schon einmal in den Jahren 1254 bis 1273, in dem sogenannten „Interregnum“, nach dem Erlöschen der Hohenstaufen bis zur Wahl Rudolfs von Habsburg, hat Deutschland eine Zeit durchgemacht, in der durch das Fehlen einer starken Hand, durch die Umtriebe reichsfeindlicher weltlicher und geistlicher Fürsten, durch Hader und Zwietracht der Parteien und dem schließlichen Krieg aller gegen alle das Reich an den Rand des Untergangs gebracht worden war. Damals sehnte sich das gepeinigte und entrechtete Volk nach einem Retter und hoffte auf die Wiederkehr des im Kyffhäuser schlafenden Kaisers, der es aus seiner Verelendung herausführe und dem Reich seine Größe wiedergebe. An jene unselige Zeit der deutschen Geschichte erinnerte die Regierung, die nach dem Zusammenbruch des Reiches und der Verkündung der Republik die Leitung der deutschen Geschicke in die Hand genommen hatte.

Es ist hier nicht der Platz, die Geschichte det Systemzeit zu schreiben. Wir müssen uns auf die Auswirkungen beschränken, die jener Staatsbetrieb für unsere engere Heimat gezeigt hat, In den zwei vorangehenden Kapiteln haben wir bereits geschildert, welche Folgen der Zusammenbruch von 1918 mit Besatzung mit Separatistenputsch und Geldentwertung für unsere Heimat gehabt hat.

Nachdem Deutschland so bankrott war, daß der Staat nicht mal mehr eine Anleihe erhalten konnte, und als nach dem Abbruch des Ruhrkampfes im Jahre 1923 endlich die Stabilisierung der Billionenwährung durch Einführung der Rentenmark erfolgt war, wurde 1924 zur Festlegung der Reparationszahlungen das Dawes – Abkommen getroffen, das für unsere engere Heimat das eine Gute hatte, daß die Besatzung zurückgezogen wurde und nur die Kommandantur in St. Goar als Überwachungsstelle verblieb. Auch die Eisenbahn ging wieder in deutsche Verwaltung über. So war wenigstens hierzuland etwas Ruhe eingetreten. Ein Jahr später – es war 1925 – erfolgte der Vertrag von Locarno, in dem jedoch noch nicht endgültige Räumung der übrigen besetzten Gebiete erreicht wurde. Erst mit dem Joung-Plan (1929), mit dem Deutschland sich, außer den Sachlieferungen und außer den bereits gezahlten 37 Milliarden, die Reparationslast von 116 Milliarden Goldmark, zahlbar in Jahresraten bis 1988, also 59 Jahre lang aufbürden ließ, entschloss man sich, die Zone zu räumen, wobei aber die Entmilitarisierung der beiden Rheinufer bestehen blieb. Am 30. Juni 1930 verließen die letzten Franzosen Wiesbaden und Mainz, nachdem die Engländer schon ein Jahr früher abgezogen waren.

Als am 1. Juli 1930 die Sonne emporstieg, verglommen auf den rheinischen Höhen die letzten Feuer, die um Mitternacht in der Befreiungsstunde allerorts zum Himmel geloht waren. Der Rhein war wieder frei und das rheinische Volk konnte endlich wieder aufatmen. Ein Feiertag nach all den trüben Jahren war es, als der greise Reichspräsident Hindenburg zur Begrüßung der Rheinlande an unseren Strom kam. Am 22. Juli 1930 trug ihn der festlich geschmückte Dampfer “Mainz“, gefolgt von den Dampfern “Hindenburg“ und “Elberfeld“ mit den Festgästen an unserem Städtchen vorbei. Wie überall, wo er hinkam, erscholl ihm auch hier unendlicher Jubel entgegen. Fahnen winkten, Glocken läuteten, Böller dröhnten von Ufer zu Ufer, von der Loreley über Katz und Maus und Rheinfels hin jauchzte die deutsche Jugend ihrem Hindenburg zu. Und der Alte hatte nicht Hände genug, um für all die Liebe und Verehrung, die ihm aus rheinischen Herzen entgegenströmte, zu danken.

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Die hier vorgestellten Ansichten entsprechen weder denen der Urheber dieser Internetseite noch möglicherweise dem modernen Stand der Geschichtsforschung.

Wir verweisen auf das einleitende Kapitel zur Erläuterung.