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St. Goarshausen im 30-jährigen Krieg 1618-1648

Es ist eine Zeit der Tränen und Not,
Am Himmel geschehen Zeichen und Wunder,
Und aus den Wolken, blutig rot,
Hängt der Herrgott den Kriegsmantel runter.
Den Kometen steckt er wie eine Rute
Drohend am Himmelsfenster aus,
Die ganze Welt ist ein Klagehaus,
Die Arche der Kirche schwimmt Im Blute.
Schiller: „Wallensteins Lager“

Mit dem Jahre 1618 brach jener unheilvolle Krieg aus, der “um des Glaubens willen“ dreißig lange Jahre hindurch wütete, das blühende deutsche Land in einen Schutt- und Aschehaufen verwandelte, alte Kultur verwüstete und das deutsche Volk in unsagbares Elend stürzte. Unsere Heimat, das rheinische Land, war eines der ersten, das die Geißel des Krieges zu spüren bekam. Schuld daran war der unglückliche Familienzwist, der zwischen den Häusern Hessen- Kassel und Hessen-Darmstadt ausgebrochen war. Der verhängnisvolle Marburger Successionsstreit, wie er in der Geschichte heißt, entstand. Fürstlicher Landhunger und Glaubenshader stürzten das Volk wiederum ins Unglück. Handelte es sich zuerst um die Obergrafschaft Hessen-Marburg, die der Darmstädter als Erbe verlangte, so gab es bald einen triftigeren Grund: Der verstorbene Landgraf Ludwig III. von Hessen-Marburg hatte in seinem letzten Willen verfügt, daß seinem Land die Augsburger, also das lutherische Glaubensbekenntnis erhalten bleibe. Der Erbe, Landgraf Moritz von Kassel, hatte trotzdem die reformierte Lehre eingeführt.
Es kam zur Klage beim Reichshofrat und da der Darmstädter beim Kaiser Ferdinand II., dem Jesuitenzögling, Liebkind war, so wurde dem Landgrafen Moritz nicht nur Hessen-Marburg, sondern auch, als Entschädigung für gehabte Nutzung, die ganze Niedergrafschaft Katzenelnbogen mit Rheinfels und Katz aberkannt. Kassel jedoch weigerte dessen Herausgabe und so war der Krieg da. Der übliche deutsche Bruderkrieg.
Der Kölner Erzbischof Ferdinand, Bruder des bayerischen Kurfürsten Maximilian, wurde mit der Reichsgewalt betraut. Sofort rückten 8000 Mann, darunter zwei Regimenter Spanier unter der Führung des Grafen Wilhelm Verdugo mit großem Geschützpark vor die Burgen Rheinfels und Katz und es kam zu der denkwürdigen Belagerung vom Juli und August 1626, einem der bedeutensten kriegerischen Ereignisse, die der Rhein bis dahin gesehen hatte. 33 Tage lang donnerten die Kartaunen und schleuderten ihre Geschosse auf Burgen und Stadt. Das Rheintal glich einem Flammenkrater. Die an Zahl weit schwächere todesmutige Besatzung von Rheinfels und Katz unter ihren wackeren Kommandanten Oberstleutnant von Uffeln und Hauptmann Suale verrichteten Wunder an Tapferkeit. Erst als beide Burgen gänzlich zerschossen waren und in Brand standen, wurden sie auf Befehl des Landesherrn Landgraf Moritz dem Darmstädter übergeben, unter ehrenhaftem Abzug der Besatzungen. Das Nähere über diese Belagerung beliebe man aus dem Kapitel “Burg Katz und ihre Geschichte“ zu ersehen! Damit hatte St. Goarshausen ein neues Herrscherhaus erhalten: die Landgrafen von Hessen-Darmstadt. Aber der erhoffte Friede war ihm nicht beschieden. Nach dem Abrücken der Garnison hausten die spanischen “Molche“, wie das Volk sie nannte, in beiden Städtchen wie die Wilden. Sie ließen sich trotz ihrer angeblichen christlichen Frömmigkeit nicht abhalten, sogar das, selbst von der protestantisch gewordenen Bevölkerung in Ehren gehaltene, Grab des heiligen Goar aufzubrechen, nach Schätzen zu wühlen, die wertvolle Kirchenbücherei zu stehlen, vielleicht sogar wie vermutet wird, die Gebeine des Heiligen fortzuschleppen, denn man hat sie seitdem nicht mehr gefunden.
In Kaub wurde 1622 der evangelische Pfarrer von Dörscheid, der trotz der Anwesenheit spanischer Soldaten den Gottesdienst abhielt, von einem Spanier von der Kanzel heruntergeschossen. Lange noch knüpfte sich am Rhein der Fluch an den Namen der fremdländischen Horden.
Als der Schwedenkönig Gustav Adolf im Jahre 1632 die Stiftskirche zu St. Goar besuchte, geriet er über die Zerstörungswut der Spanier derart in Zorn, daß er mit der Faust, die in einem schweren Eisenhandschuh steckte, auf die Altarplatte schlug und dabei eine Ecke abgehauen haben soll, die im ausgebesserten Zustand heute noch zu sehen ist. Aber das Maß des Unglücks war noch nicht voll. Auf den Spuren der Spanier schlich die Pest und mit ihr die Hungersnot ins Land. Das Jahr 1635 war für St. Goarshausen ein Jahr der Tränen. Wie die alten Kirchenbücher berichten, sind in jenem Jahr von den etwa 250 Bewohnern, die das Städtchen damals hatte, 178 an der Pest gestorben, wozu noch etwa 90 Auswärtige kamen, die sich in seine Mauern geflüchtet hatten. Weinberge und Äcker blieben unbebaut liegen. Hunger und Not waren die Folge. Das bisher so blühende Nestchen war dem Verfall nahe, und nur ganz langsam kam es wieder zum Leben.
Von den Schweden darf gesagt werden, daß sie unter der straffen Zucht Gustav Adolfs, solange dieser lebte, unsere Heimat ziemlich ungschoren ließen, schon mit Rücksicht auf die von ihnen geschützte protestantische Religion. Dafür besorgten die kaiserlichen Völker, – die für den katholischen Glauben kämpften – das Morden und Plündern umso gründlicher. Die Not auf dem Lande wurde so groß, daß die verzweifelten Menschen gezwungen waren, von Gras und Rinde zu leben und gefallenes Vieh zu verzehren, ja, sich sogar an Toten zu vergreifen und Menschenfleisch zu essen.
Das ganze Land war einer großen zerstörten Stadt vergleichbar. Überall qualmende Trümmerhaufen, Blutlachen, verwesende Leichname, wilde Tiere, scheue gehetzte, skelettartige Menschen, in den Wäldern hausend. Über all dem Grauen die giftigen Dünste der Pest. Wie entsetzlich es in unserer Gegend zuging, können wir am eindringlichsten aus dem Tagebuch ermessen, das der evangelische Pfarrer Völker aus Miehlen, der sich nach der damaligen Gelehrtenmode Plebanus nannte, hinterlassen hat. Plebanus hat alle Schrecken des furchtbaren Krieges erlebt. Nur mit knapper Not entrann er oft selber dem Tode. Einmal hatten ihn die Bönninghausischen Dragoner an ein Pferd gebunden und jämmerlich geschleift bis er sich mit 100 Reichstalern von der Pein loskaufte. Schießlich blieb ihm keine andere Rettung, als mit Weib und Kind auf Schleichwegen über St. Goarshausen nach St. Goar zu flüchten, wo seine Tochter an der Pest starb. (1635)
Wir haben in dem Kapitel “Leidenszeiten“ einen Teil der Plebanus’schen Aufzeichnungen zum Abdruck gebracht. In der Tat, es überläuft uns geradezu ein Schauern, wenn wir darin von den Greueln lesen, die begangen wurden und von den Verzweiflungstaten, denen sich die ausgehungerten Menschen hingegeben haben. Und das war erst in den Jahren 1636 und 37. Aber der große Krieg wütete noch 12 Jahre weiter, und das Elend, das er in der Nachzeit noch über unser geplagtes deutsches Land brachte, wurde noch weit schlimmer als es uns aus jenen kurzen Aufzeichnungen angrinst. Aus dem Religionskrieg war ein politischer Krieg geworden. Fremde Völker mischten sich ein und Deutschland glich schließlich einem großen Schlachthaus, darin die Menschen sich gegenseitig mordeten und zerfleischten. Wahrlich, es waren blutige Kränze, die das Christentum sich erwarb.
Über die Schäden, die das Städtchen St. Goarshausen während des Dreißigjährigen Krieges, abgesehen von dem Menschenverlust in den Pestjahren, allein an Plünderungen, Brandschatzungen, Einquartierungen usw. erlitten hat, liegen keine genauen Unterlagen vor. Daß sie nicht gering gewesen sein mögen, geht schon aus den urkundlichen Nachweisen, der Schwesterstadt St. Goar hervor, die eine deutliche Sprache sprechen. Die Brandschatzungen allein der kaiserlichen und spanischen Horden in den Jahren 1626 bis 1639 erforderten an Geld und Lebensmittel die hohe Summe von 32966 Talern.
Aber das war erst der Anfang. Schlimmer wurde es noch, als die französischen und im Bunde mit ihnen (nach dem Tode Bernhards von Weimar) die weimarischen Heereshaufen über unsere geplagte Heimat herfielen. Die Hilferufe an den Landesherrn nützten nichts. Der vorsorgliche Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt – er war 1626 seinem Vater Ludwig in der Regierung gefolgt – hatte zwar mit dem französischen Marschall Turenne einen Schutzvertrag abgeschlossen, aber die Soldateska kehrte sich nicht daran. Das französische Regiment Voubecourt, das St. Goar zwei Jahre lang besetzt hielt, kostete die Stadt 43910 Taler. Bei seinem Abzug führte das uniformierte Gesindel sämtliche Vorräte an Wein und Getreide, und – als Extrapouceur – noch 12500 Taler Rheinzollgelder mit weg.
Trotzdem dauerten die Bedrückungen und Ausbeutungen noch weiter fort, so daß die vormals wohlhabende Bürgerschaft beider Städtchen schließlich der krassen Not anheimfiel. Ein Malter Mehl kostete 240 Gulden, ein Kalb 80 Gulden, ein Acker, der vorher einen Wert von 500 Talern hatte, wurde gegen 8 Brote eingetauscht. Mit Laub, Leder, Wurzeln, Rinde und ähnlichem fristeten die Ärmsten ihr bißchen Leben. Zum Glück gab es im Rhein noch Fische, Sie mögen unsere Alten vor dem Schlimmsten bewahrt haben. Wenigstens im Sommer. Aber wie wars im Winter, wenn zu dem Hunger noch Eisgänge und Hochwasser kamen? Man sollte annehmen, angesichts all dieses Jammers hätten die eigensüchtigen Wünsche fürstlicher Machthaber mitleidsvoll geschwiegen. Aber leider war dies nicht der Fall. So mußte denn unsere Heimat, ehe der unselige Krieg zu Ende ging, nochmals die Schrecken einer Belagerung über sich ergehen lassen. Die ehrgeizige Landgräfin Amalie Elisabeth von Hessen-Kassel, die für ihren minderjährigen Sohn Wilhelm VI. die Regierung führte, konnte es nicht verwinden, daß ein so schönes Land wie die Niedergrafschaft Katzenelnbogen mit Rheinfels und Katz ihrem Hause 1626 entrissen worden war. Sie hielt den Zeitpunkt, wo alles verelendet daniederlag, für geeignet, sich das schöne Ländchen wieder zu kapern.
So schickte sie denn im Frühjahr 1647 einen hessischen Heerhaufen von 8000 Mann unter dem Oberbefehl des Generals von Mortaigne vor Rheinfels und Katz, wobei ihr Anverwandter der junge Landgraf Ernst, als Oberst die Reiterei befehligte. Die Katz konnte sich nicht lange halten, während die Feste Rheinfels, trotz mangelhafter Mundvorräte, dem Ansturm 12 Tage lang tapfer standhielt. Der Landesherr, Landgraf Georg von Hessen-Darmstadt, mochte aber einsehen, daß ein weiterer Widerstand gegen die Übermacht zwecklos sei und befahl die Übergabe von Burg und Stadt an seine „freundliche Base“.
So wurde St. Goarshausen zur Abwechslung wiedermal hessen-kasselisch. Endlich, nach 30 Jahren voller Jammer und Elend, läuteten die Friedensglocken. Der westfälische Friede von 1648, an den die durch Not stumpf gewordenen Menschen anfangs überhaupt nicht zu glauben wagten, denn sie hatten den Glauben an eine ewige Gerechtigkeit verloren, brachte dem armen, entvölkerten Deutschland und damit auch unserer vielgeprüften Heimat endlich die heißersehnte Ruhe. Von den etwa 100.000 Einwohnern, die das nassauische Land zu Anfang des Krieges hatte (ohne Frankfurt), waren nur noch 15-20.000. übrig geblieben. Mord, Hunger und Pest hatten die anderen verschlungen. St. Goarshausen hatte am Ende des Krieges wohl kaum noch 100 Seelen.
Daß unsere Altvordern diese Jahrzehnte unsäglicher Qualen und Greuel überstanden haben, ohne, wie so viele Orte im nassauischen Land, gänzlich unterzugehen, berührt wie ein Wunder. Und daß sie allen Höllengeistern zum Trotz, aus Not und Nacht sich wieder empor gearbeitet haben, ist ein Zeichen rheinischer Lebenskraft und fröhlicher Lebensbejahung, die auch in Sturm und Sturz nicht versagt und mit dem Teufel ringt, wenn es sein muß.

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Die hier vorgestellten Ansichten entsprechen weder denen der Urheber dieser Internetseite noch möglicherweise dem modernen Stand der Geschichtsforschung.

Wir verweisen auf das einleitende Kapitel zur Erläuterung.