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Rhein

Menschen die an einem Strom aufwachsen, gewinnen zu ihm ein naturhaftes Verhältnis, das sie zeitlebens nicht verläßt. Es ist die geheimnisvolle Kraft des Urelements, des fließenden Wassers, dessen Rauschen sie in ihrer Jugend hörten und das sie durch das ganze Leben begleitet.

Schifffahrt und Schifferleben am Rhein

Wenn für St. Goarshausen die Schiffahrt auch nicht in dem Maße zum Lebensinhalt geworden ist wie für St. Goar, Kaub oder Bingen, so ist unser Städtchen doch seit Urzeiten mit dem Strom so eng verwachsen, daß die Geschichte der Rheinschifffahrt von der seinigen nicht zu trennen ist. Es dürfte daher wissenswert sein, die Entwicklung des rheinischen Schifffahrtswesens in ihren Beziehungen zu St. Goarshausen von Anfang an zu verfolgen.

Lange, bevor am Rhein die Rebe blühte und der Winzer die steinernen Berghalden bebaute, war es der Schiffer, der hier wirkte. Nicht nur die Nahrungssuche, der Fischfang, auch das Fehlen jeden anderen Wegs trieb den Menschen auf den Strom, war doch der Rhein die naturgegebene Verkehrsstraße die den Süden mit dem Norden verband. So mag schon vor Tausenden von Jahren der Vorzeitmensch im Einbaum, dem ausgehöhlten Baumstamm, den Rhein befahren und den Strudeln des Stromes getrotzt haben. Denn die Kunst, Fahrzeuge zu bauen, entwickelte sich erst nach und nach, und der Weg vom kleinen Schifferkahn bis zum 1.800-pferdigen Dampfer war gar lang.

Leinpfad und Halfterer am Rhein

So lange es noch keine Maschine gab und der Dampf noch nicht Herrscher über die Urgewalt des Stromes war, war der Mensch nur auf Ruder und Segel angewiesen. Aber man konnte damit nur über den Strom oder mit dem Strom fahren. Die Fahrt gegen den Strom aber, also „zu Berg“, wie man hier zulande sagt, war nur mittels „Halftern“ möglich. Die Boote mußten gezogen werden, die kleineren Fahrzeuge durch Menschen, die größeren mittels Pferden oder Eseln. Das Wort „Leinpfad“, also der schmale Pfad, der sich am Stromufer entlang zog, hat daher seinen Ursprung.

Die Halfterer wechselten von Ort zu Ort ab. Es war ein rauhes und mühseliges Gewerbe und man kann sich denken, daß so ein Halfterer von „Salonmanieren“ ziemlich weit entfernt war. Da knallte die Peitsche und die Lüfte erfüllten sich mit furchtbaren Flüchen. Denn ein beladenes Frachtboot bildete eine gewaltige Last, und wenn sich da der Strom entgegenstemmte und es immer wieder hinaus in den Strudel zu ziehen versuchte, dann mußten die Pferde ihr Letztes an Kraft hergeben, um schrittweise vorwärtszukommen.

Der Verfasser erinnert sich aus den siebziger Jahren (1870), daß damals noch allwöchentlich das Oberweseler Frachtschiff zum St. Goarshäuser Fruchtmarkt kam, der damals noch in Blüte stand. Der Platz war vor der heutigen Bürgermeisterei, wo sich jetzt die Grünanlagen befinden. Das Marktschiff hatte oft bis zu 200 Zentner geladen, die es nun galt, den Rhein hinauf an den Klippen der Loreley vorbei zu schlängeln. Halfterer war ein gewisser Daniel German aus der Forstbach. Er war Besitzer eines alten schwarzen Kleppers, der, wie sein Herr, schon manche Schrei-Fahrt hinter sich hatte, aber immer noch nicht verstehen konnte, warum sein sonst so gutmütiger Gebieter ihn statt mit schmackhaftem Hafer mit Worten labte, die in sein Pferdewörterbuch nun einmal nicht hinein wollten. Er blieb denn auch alle Augenblick stehen und keilte als Widerspruch kräftig nach hinten aus. An der Leine aber hing das schwere Schiff und drohte, Mann und Gaul in den Strom zu reißen. Dann würde es sogar dem „sanften“ Daniel zu viel und die lange Geißel klatschte unter furchtbaren Donnerwettern dem dürren Klepper nur so um die Beine. „S Gewitter soll dich verschlahn, du sakerments Oos, wenn du nit parierst!“ So und ähnlich waren die blumigen Redefloskeln, die der Daniel in seiner Forstbacher Muttersprache von sich gab. Endlich, als man glücklich um die Loreley herum war und das Schiff Oberwesel gegenüber die Leine abwarf, kam auch für den geplagten Vierbeiner die Erlösung. Und dann sah man immer wieder das bekannte Bildchen: Daniel stolz wie ein heimkehrender Sieger, mit übergeschlagenen Beinen auf dem Klepper thronend, der friedlich zurücktrabte, hier und da sich einen saftigen Grashalm am Wege abzupfte und dann, an der Stadtgrenze wieder angekommen, racks stehen blieb, – nämlich vor der Wirtschaft „Zur Stadt Mannheim“. Er wußte aus alter Gewohnheit, daß dort der Daniel einen hinter den „Paltin“ zu gießen pflegte. Denn nicht nur Musikanten, auch Fuhrleute haben Durst. Und bei einem Halbeschoppen scheint es meistens auch nicht geblieben zu sein, denn oft sah man den dürren Rappen noch drei Stunden später vor dem Weintempel stehen und geduldig auf seinen Herrn warten.

Reisen auf dem Rhein

Und wie war es mit dem Reisen auf dem Rhein in der alten Zeit? Wir Neuzeitmenschen, die wir heute mit dem Glas in der Hand und einem Lied auf den Wellen dahingleiten, als trüge uns der Vater Rhein auf seinen Armen und als sei es nie anders gewesen, wir können uns kaum noch in die gute alte Zeit zurückversetzen, wo es noch tränenreiche Abschiede gab und man vor einer Reise sein Testament machte, denn ob man mit dem Postwagen durchs Land holperte und von Räubern erleichtert wurde, oder zu Wasser reiste und den Undinen in die feuchten Arme geriet – die Gefahr war überall die Gleiche. Dennoch, wer Zeit und Lust hatte, zog, namentlich wenn es sich um größere Strecken handelte, die romantische Wasserreise vor.

Auch Goethe ist auf diesem Wege an St. Goarshausen vorbeigekommen, oder besser gesagt: vorbeigehalftert worden, als er 1772 von Ehrenbreitstein nach Frankfurt zurückkehrte. Er schreibt darüber in „Dichtung und Wahrheit“:

„Ich fuhr mit Merck und den Seinigen auf einer nach Mainz zurückkehrenden Jacht den Rhein aufwärts, und obschon dieses an sich sehr langsam ging, so ersuchten wir noch überdies den Schiffer, sich ja nicht zu übereilen. So genossen wir mit Muße der unendlich mannigfaltigen Gegenden, die bei dem herrlichsten Wetter jede Stunde an Schönheit zuzunehmen und sowohl an Größe als an Gefälligkeit immer neu zu wechseln scheinen. Und ich wünsche nur, indem ich die Namen Rheinfels und St. Goar, Bacharach, Bingen, Elfeld und Biebrich ausspreche, daß jeder meiner Leser im Stande sei, sich diese Gegenden in der Erinnerung hervorzurufen.“

Die Jacht, von der Goethe spricht, war eine der sogenannten Wasser-Diligencen, wie die mit Ruder und Segel bewegten und mit einem Schutzzelt überdeckten Boote hießen, die den Personenverkehr zwischen den größeren Plätzen am Rhein vermittelten. Gings rheinaufwärts, dann wurden, je nach Größe und Schwere des Fahrzeugs 10 bis 24 Pferde vorgespannt, die das Schiff den Leinpfad entlangschleppten. Bei günstigem Wind spannte man die Segel auf, die Ruder halfen mit, und es ging schneller. Rheinabwärts verließ man sich auf die Segel und Ruder allein. Wie oft mögen unsere Vorväter am Ufer gestanden und diese „vornehmen“ Fahrzeuge bewundert haben, die da vorbeikamen und die so ganz anders waren als die dürftige „Schilch“, mit der sie nach ihrem Fischerwoog fuhren. Und wenn es gar erst eine Kurfürstliche Luxusjacht war, die mit Segeln und Musik vorüberrauschte, da war des Staunens kein Ende.

Manchmal kam auch die „Eberbacher Sau“ vorbei, wie das dickbauchige Frachtschiff hieß, das die berühmten Weine des Klosters Eberbach, die Steinberger, Hattenheimer und Rauenthaler in schweren Stückfässern nach Köln brachte und manchen Mund wässerig machte. So bot der Rhein auch in alten Zeiten stets neue Schau und Kurzweil. Allerdings kostete das Wasserreisen viel Zeit und Geduld. Eine Fahrt von Mainz nach Köln dauerte bei günstigem Wetter 5 Tage, umgekehrt aber 14 Tage, vorausgesetzt, daß es unterwegs keine „Panne“ gab. Namentlich im „Gebirge“, also in der klippenreichen Talstrecke zwischen St. Goarshausen und dem Binger Loch, lauerte die Gefahr in hundertfacher Gestalt, und der heilige Nikolaus, der Schutzpatron der Schiffer, war nicht immer gnädig. Da nützte oft die dickste Kerze nicht, die man ihm versprach. Hatte ihn nicht einmal so ein krausbärtiger Schiffig, als er mit seinem Segelkahn in einen Gewittersturm geriet und das Schiff schon am Kentern war, eine Kerze gelobt, so dick und so groß wie sein Mastbaum? Und als er ihm aus der Patsche geholfen hatte und die Sonne wieder lächelte, hatte da der verruchte rheinische Schiffig nicht seinen kleinen Finger in die Luft streckend, spöttisch gerufen: „Nikeläsche, nit dat kriehste, nit dat! Seit dieser Zeit war der Nikolaus kopfscheu geworden.

Berüchtigt war außer dem Binger Loch besonders die Loreley, die früher unmittelbar in den Strom vorsprang und als der Sitz böser Geister angesehen wurde. Noch bis ins vorige Jahrhundert hinein war es üblich, vor der Vorbeifahrt an diesem Hexenberg die Schiffsbesatzung durch dreimaligen Glockenschlag zum Gebet aufzufordern. Denn nicht umsonst lockte der Sage nach die Loreley die Schiffer ins Verderben. Hier ist die engte und tiefste Stelle des Rheins. Die Wasser drängen sich in der schmalen, von Klippen umdrohten Rinne, die hier nur 120 Meter breit ist, zusammen und schleudern mit urgewaltiger Kraft jedes ruderlos gewordene Fahrzeug gegen die Felsenbank. Wer heute am Fuße der Loreley vorbeiwandert, findet dort noch, in einer kapellenartigen Nische eingemauert, ein seltsames Zeichen: Es ist die Spitze eines Schiffsbuges, die aus der Mauer herausschaut, zur Erinnerung an den Untergang der „Grete Siebeck“ eines Frachtkahns, der hier in den sechziger Jahren (1860) scheiterte. Ein Totenmal der rheinischen Schiffahrt!

Eine willkommene und preiswerte Fahrgelegenheit für die Bewohner von St. Goarshausen war vor der Eröffnung der Dampfschiffahrt das St. Goarer Marktschiff, das den Verkehr zwischen St. Goar und Bingen, dem damaligen Haupthandelsplatz für die hiesige Gegend, vermittelte und das natürlich ebenfalls gehalftert wurde. Dieses Marktschiff, das schon zu Anfang des 16. Jahrhunderts erwähnt wird, war strengen Vorschriften unterworfen, wie aus einer Urkunde von 1631 hervorgeht. Es mußte jeden Dienstag von St. Goar abfahren und am Mittwoch Abend wieder zurück sein. In Bingen hatte das Schiff Fahranschlüsse nach der Frankfurter Messe. All das aber war nur möglich in der guten Jahreszeit. Bei Hochwasser oder im Winter, wenn der Rhein mit Eis ging, ruhte der Verkehr und das Marktschiff suchte seine Zuflucht im Hafen. Wer nicht unbedingt verreisen mußte, blieb in seinen vier Wänden oder vertraute sich und seine Waren, wenn es nicht anders ging, einem Fuhrwerk an. Aber auch nur nach einem inbrünstigen Stoßgebet, denn der Schnapphähne, die die Gegend unsicher machten, waren nicht wenige. Früher waren es die Raubritter und später der Schinderhannes und seine Kumpanen, die sie erleichterten.

Eines geschichtlichen Ruhmesblattes sei hier gedacht, das sich die St. Goarshäuser Schiffer erworben haben: In der denkwürdigen Neujahrsnacht 1814 nahmen sie mit ihrem Nachen wirksamen Anteil an Blüchers Rheinübergang zu Kaub. Es war eine vaterländische Tat, die nicht vergessen werden darf, zumal die Beteiligung der St. Goarshäuser Schiffer mit Vorliebe verschwiegen wird. Wir haben darüber in dem Kapitel „Blüchers Rheinübergang zu Kaub“ im geschichtlichen Teil ausführlich berichtet.

Eine allerseits gern gesehene St. Goarshäuser Sonderheit war im vorigen Jahrhundert das unter dem Namen „Koche Jacht“ bekannte Weinschiff des Schiffers Jakob Koch zu St. Goarshausen, der zudem Wirt der Weinstube „Zum Schiffchen“ war und jedes Jahr zweimal mit seiner flüssigen Ladung zur Messe nach Frankfurt fuhr, allwo sich an Bord seines Schiffes unter Gesang und Musik ein humpenfröhliches Treiben entwickelte, von dem die Teilnehmer des Rühmens voll waren. Das weinselige Schiff ist in den achtziger Jahren leider an Altersschwäche eingegangen.

Die Flößerei auf dem Rhein

Auch die Flößerei darf nicht vergessen werden, denn sie spielt im Bilde des schaffenden Rheins keine geringe Rolle. Das Holzfloß ist wohl auf allen Flüssen der Erde das ursprünglichste Gebilde gewesen, da es unabhängig von jeder Zugkraft und lediglich dem Urelement‚ dem Wasser, verbunden war. Es ist gewissermaßen ein Veteran aus uralter Zeit, der eben in seiner, von den Vätern vererbten Form nur noch selten besteht. Die gewaltigen Flöße, wie wir sie noch vor 5o Jahren kannten – sie wurden meist an der Mündung des Main und des Neckars aus Spessart- und Schwarzwaldstämmen zusammengefügt, manche sogar zweischichtig, und hatten oft eine Fläche von 700 Fuß Länge und 200 Fuß Breite – gibt es heute nicht mehr. Wenn auch St. Goarshausen mit der Flößerei uninittelbar nichts zu tun hatte, so war das Erscheinen eines solchen Ungetüms doch immer ein Ereignis, bei dem die Hilfe der hiesigen Schiffigen oft vonnöten war. Eine ganze Welt für sich bildete so ein Floß. Vorn und hinten bewegten sich die Rudergänger, die unter Fluchen und Schnaufen die langen Ruderblätter, die sogenannten „Lappen“ an jedem Lappen 6 Mann gegen die Flut drückten, damit das Fahrzeug in der Strommitte blieb, der Richtungsbefehl hieß nicht etwa links oder rechts, sondern „Frankreich“ und „Hessenland“. Hatte man unter Lebensgefahr die Loreleyecke umschifft und war man an der Kiesbank im Rhein, dem „Griens“, das damals noch im Strom lagerte, mit heiler Haut vorbeigerutscht, dann lauerten die Wirbel der „Bank“, die sich anschickten, einen Tanz mit dem Floß zu vollführen und es auf den Grund zu ziehen. Da hatten die Flößer nun ein eigenartiges Mittel erfunden: sie ließen den sogenannten „Hund“ los. Das war ein kräftiger Stamm, der auf der linksrheinischen Seite von dem Floßkörper losgelöst wurde und nur noch am hinteren Ende befestigt war. Dieser „Hund“ fraß sich nun, von den Wirbeln erfaßt, tief in die Wasser hinein und hielt auf diese Weise das Floß in der Fahrrichtung. Aber es kam auch vor, daß – namentlich bei hohem Wasserstand – dem Hund die Kraft versagte und das Floß nun, von der Flut gepackt, aus der Richtung kam und mit gewaltigem Krachen wider die St. Goarshäuser Ufermauer prallte, so daß sich plötzlich ganze Teile auslösten und wieder zusammengefischt werden mußten. Daß es bei einem solchen verhängnisvollen Vorkommen bei den Flößern nicht ganz lautlos herging, läßt sich bei den lieblichen Stimmitteln dieser Leute denken. Wahrlich – waren die Halfterer schon keine Schalmeien-Engel, – gegen die „Flözer“ waren die die reinen Waisenknaben. Was für ein Musterlager war da aber auch oft beisammen: Landstörzer, Vagabunden, Troßknechte, Raufgesellen, die was auf dem Kerbholz hatten, Handwerksburschen, die auf billige Weise nach Holland wollten – wahrlich, ein Grüppchen buntester Art. „Kosaken“ hießen sie im Sprachgebrauch.

Waren darunter auch ordentliche, schiffszünftige Leute, so pflegte man doch, der Not gehorchend, beim Anwerben der Besatzung nicht viel Federlesens zu machen, denn die Arbeit war hart und die nötigen Leute dafür zu bekommen, war nicht leicht, zumal die Flossknechte immer nur für eine Fahrt gedingt wurden. Sie mußten nachher sehen, wo sie blieben.

Für die St. Goarshäuser Jugend, die, wie überall am Rhein, immer dabei war, wenn es galt, jemand zu hänseln, waren die „Flözer“ natürlich ein willkommenes Ziel. Kam so ein Floß unter Fluchen und Schnauben vorbei, dann standen wir Buben am Ufer,legten die Hand als Schallmuschel an den Mund und riefen: „Ihr Hallunke, wo habt Ihr die Nacht gehonke ?“ Und stracks kam es aus hundert rauhen Flözerkehlen herüber: „Bei Euerem Vadder am Galge!“ Manchmal kam auch ein Stück Holz geflogen, aber das erhöhte nur die Heiterkeit. Es war eine liebliche Zwiesprache, ein reizendes Duett, das sich jedesmal wiederholte und zum ständigen Programm gehörte.

Die Dampfschifffahrt auf dem Rhein

Eine entscheidende Umwälzung der alten Schifferherrlichkeit brachte der Dampf. Er schuf völlig neue Verhältnisse. Alte, urväterliche Gebräuche, durch hunderterlei städtische und fürstliche Verbriefungen geschützte Gerechtsame der Schiffergilden stürzte er um. Die neue Zeit war auf dem Plan erschienen und machte ihre Rechte geltend. Die alten schlagbaumartigen Wasserzölle – es gab im Mittelalter von Straßburg bis Holland nicht weniger als 32 Zollstätten, darunter auch eine in St. Goar – waren aufgehoben und der Rhein ein staatsrechtlich freier Strom geworden.

Der Oktober 1824 brachte für St. Goarshausen das große Ereignis: das erste Dampfboot war erschienen, der „Seeländer“, ein der Niederländischen Dampfschiffahrtsgesellschaft gehöriges Schiff, das seine erste Fahrt machte, nachdem am Niederrhein schon andere Dampfer ihr Glück versucht hatten. In der Tat, – es war für unsere Altvorderen ein großer unvergeßlicher Tag, zum erstenmal einen jener „Dämpfer“ zu sehen, von denen sie schon manches hatten munkeln hören, an die sie aber nicht glauben wollten. Ein Schiff sollte ohne Ruder, ohne Segel ohne irgendwelchen Vorspann gegen den Strom fahren? — Unmöglich! Und nun sah man so ein kochendes Satansding leibhaftig vor Augen. Man kann sich denken, wie sie auf der Mauer standen, Männer und Frauen, Alte und Junge, und in ängstlichem Staunen nach dem schwimmenden Kasten schauten, der mit Rädern ins Wasser klatschte und unter Puffen und Zischen erschreckliche Rauchwolken in die Luft stieß, daß man von den Bergen gegenüber kaum noch etwas sehen konnte. Man wartete förmlich darauf, daß der Rappelkasten im nächsten Augenblick in die Luft fliegen werde.

Aber auch andere Gefühle wurden wach. Man erblickte in dem Dampfer ein Teufelswerkzeug, das ihnen, den Schiffern, Halfterern und Fuhrleuten, das Brot wegnehmen werde. Flüche und Verwünschungen wurden laut. Und nicht nur hier. Am ganzen Rheinufer von Köln bis Mainz kochte die geheime und offene Auflehnung. Die geladene Volksseele machte sich Luft. Man schoß nach den Dampfern mit Flinten und Pistolen. Am liebsten hätte man Kanonen genommen. Da man keine hatte, behalf man sich mit Böllern, sogenannten „Katzenköpp“, die mit Nägeln geladen waren. Überall flogen Steinbrocken. Und da es unter den Fergen und Leinschleppern nicht an handfesten Kerlen mangelte, so ging man sogar gegen Kapitän und Schiffsbemannung tätlich vor, und suchte sie ins Wasser zu schmeißen. Den ganzen Rhein entlang puffte und knallte es. Überall fanden Gefechte statt. Die Kapitäne mußten ihren Ruderstuhl durch Bretter und Bohlen gegen die Kugeln schützen, die heranpfiffen.

Auch der junge „Molberhannes“ von St. Goarshausen soll, wie erzält wird, an der Loreley gestanden haben und mit einem Schießeisen, das angeblich noch vom Schinderhannes stammte, gegen den „Seeländer“ geballert haben, worauf die Matrosen mit glühenden Kohlen geantwortet hätten. Es war eine Schlacht im Kleinen. Vielleicht hatte er auch im stillen gehofft, zu billigem Strandgut zu kommen, denn allzu hasenrein ist er nie gewesen, der Hannes. Aber seinen Triumph hatte er doch, und er war fest überzeugt, daß seine Pistole es geschafft hatte, nämlich: Der „Seeländer“ mußte gleich nach dem „Wilden Gefähr“ vor Bacharach umkehren, da er gegen die starke Strömung nicht mehr ankonnte. Das gab dem „Frankfurter Journal“ Anlaß, zu schreiben, der Schifferstand brauche an der Dampfschiffahrt fürs erste keinen Rivalen mehr zu fürchten.

Aber weder der Molberhannes noch sämtliche Schiffer, Leineschlepper und Fuhrleute konnten die Welle der Zeit aufhalten und mußten sich schließlich ins unvermeidliche fügen, so wie die Landfuhrleute sich fügen mußten, als einige Jahrzehnte später die Eisenbahn entstand, so sehr sie sich auch gegen diese sträubten.

Schifffahrtsgesellschaften am Rhein

Schon drei Jahre nach der „Seeländer“-Fahrt erschien auf dem Rhein die „Concordia“ und der „Friedrich Wilhelm“, und später die „Marianne“, die „Stadt Mainz“ und „Stadt Koblenz“. Im Jahre 1826 hatte sich in Köln die „Preußisch-Rheinische Dampfschiffahrts-Gesellschaft“ gebildet, der im Jahre 1836 die in Düsseldorf entstandene „Dampfschiffahrts-Gesellschaft für den Nieder- und Mittelrhein“ folgte. Beide Gesellschaften vereinigten sich 1853 zu der heutigen „Köln-Düsseldorfer Rheindampfschiffahrt“. Damit begann der gewaltige Aufstieg dieses Unternehmens, das sich aus kleinen Anfängen durch Zielbewußtheit und deutschen Wagemut zu einer rheinischen Hansa entwickelte, deren Schiffe von einer Schönheit, Behaglichkeit und Führung sind, wie sie kein anderer Strom der Erde besitzt. Sie haben unzähligen Menschen die Romantik des Rheins und seine Schönheit erschlossen, und man kann verstehen, daß man einem liebgewordenen Schiff, wenn es aus Altersgründen zur Ruhe ging, nachtrauerte wie einem lieben Freund, mit dem einen gemeinsame Erinnerungen verknüpfen. Als der Schnelldampfer „Friede“ – er hatte seinen Namen von dem Frieden von 1866 her und war das erste deutsche Fluß-Salonboot – nach 3Ojähriger Fahrt sein fröhliches Reich verließ und als Bootshaus-Veteran der Düsseldorfer Rudergesellschaft sein tatenreiches Leben beschloß, widmete ihm die Kölnische Zeitung folgenden wehmütigen Nachruf: „War der Dampfer „Friede“ den Anwohnern des Rheins eine bekannte Erscheinung, so ist er den Älteren doch wohl mehr: er ist ihnen eine freundliche Erinnerung aus eigenen goldenen Jugendtagen. Wie manches Hochzeitspärchen hat auf ihm seine Brautreise gemacht und wieviele haben auf ihm selige Stunden verlebt während seiner 30 langen Dienstjahren? Denn damals reiste man nicht gleich nach Norwegen, nach der Schweiz, Italien oder dem blauen Mittelmeer usw. Wer sich ausspannen wollte, fuhr nach einem idyllischen Nest am Rhein, und wer eine Rheinfahrt auf dem Salondampfer „Friede“ gemacht hatte, der zog tief befriedigt heim zu seinen Penaten, zu Büro oder Werkstatt. Denn er hatte nicht nur gesungen, sondern auch gründlich gekostet die Wahrheit des alten Rheinliedes:

Ja, dorthin will ich meinen Schritt beflügeln,
Wohin mich jetzt nur meine Sehnsucht träumt,
Will freudig eilen zu den Rebenhügeln,
Wo die Begeist’rung aus Pokalen schäumt!
Bald bin ich dort, und du, o Vater Rhein,
Stimmst froh in meine Lieder ein!“

Am 3O.April des Jahres 1851 hatte St. Goarshausen noch eine besondere Überraschung. Herzog Adolf von Nassau kam mit seiner zweiten Gemahlin, der jungen Prinzessin Adelheid von Anhalt-Dessau‚ auf seiner Dampferfahrt von Neuwied nach Biebrich hier vorbei. Die staatstreuen St. Goarshäuser ließen es sich nicht nehmen‚ einen mit weißgekleideten Jungfrauen beladenen, bunt bewimpelten Nachen an das Schiff zu schicken. Dem herzoglichen Paare wurden Blumen überreicht und ein Lehrer trug ein selbstverfaßtes Gedicht vor, das die junge Frau sehr gerührt haben soll. Auf der Spitze der Loreley aber stand der Bornicher Gesangverein‚ sang hinunter zum Rhein und der Herzog winkte erfreut den Bornichern zu. Es war ein großer Tag, der nachher festlich begossen wurde.

In Zweckgemeinschaft mit den Köln-Düsseldorfern hat auch die Niederländische Dampfschiffahrts-Gesellschaft eine hervorragende Entwicklung genommen, sowohl im Frachtverkehr wie auch im Personenverkehr. Auch ihre Dampfer zeichneten sich durch vorbildliche Führung aus und spielten in der Rheinflotte eine beachtliche Rolle.

Tourismus St. Goarshausen am Rhein

Während beide Dampferlinien ebenso wie die holländischen Dampfer früher nur in St. Goar hielten, wodurch die Fahrgäste die uns besuchen wollten, genötigt waren, erst mit der Fähre über den Strom zu setzen, haben beide Dampferlinien jetzt auch in St. Goarshausen eine Landebrücke. Es hat dies zur Belebung des Verkehrs hier bedeutend beigetragen St. Goarshausen ist das Ziel von Tausenden erlebnisfrohen Menschen geworden, die allsommerlich in unserm altersgrauen Städtchen Einkehr halten oder erholungssuchend unsere Berge und wälderreichen Täler durchwandern. Ist unter ihnen auch mancher, der bei der Rückkehr nicht mehr so kerzengerade geht wie bei der Einkehr nun, es gehört mal zur Landschaft, denn die St. Goarshäuser Weinchen sind gut und süffig. Und wie sagt das alte Sprichwort: „Wer Wein trinkt, schläft gut, und wer gut schläft, sündigt nicht, und wer nicht sündigt, kommt in den Himmel!“ Ergo bibamus!

Verkehrslandschaft Rhein

Aber es wäre verfehlt, wollte man den Rhein nur als bacchantischen Strom ansehen. Er ist auch der Strom der Arbeit, des deutschen Fleißes, des wirtschaftlichen Ringens. Seine wahre Prägung erhält das bunte Bild der Rheinschiffahrt erst durch die kraftvollen Schleppdampfer und umfangreichen Frachtboote, die mit ihren 1000 bis 1800 Pferdekräften und ihren 1000.bis 1500-Tonnen-Kähne im Schleppzug tagaus, tagein den Strom durchstampfen und so recht das Sinnbild des rheinischen Menschen bilden, der in unermüdlicher Arbeit die Arme reckt und den Hammer schwingt, oder den Karst in die Felsenhänge haut, damit Segen daraus sprieße.