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St. Goarshausen vor 100 Jahren

Verfolgen wir die weitere Entwicklung des Städtchens, so drängt sich uns die Frage auf: Wie sah es in St. Goarshausen zu Anfang der neueren Zeit aus, also um das Jahr 1830?

Wer das heutige Städtchen in seiner landschaftlichen Schönheit und seiner weitgestreckten, lichtdurchfluteten Gestalt sieht und die prächtigen Wege und Talstraßen wandert, die nach allen Seiten hin ausstrahlen, der wird sich kaum vorstellen können, wie eng und gedrückt die Verkehrsverhältnisse und mit ihnen das ganze Leben noch vor 100 Jahren waren, obgleich die Stadt bereits nassauischer Amtssitz war. An die Stadtmauer plätscherte noch immer der Rhein. Kein Weg führte außen vorbei. Im Inneren war die eine Gasse, von zwei Reihen Häusern bestanden, wozu noch einige bescheidene, am Katzenberg gelegene Häuser mit Kirche und Friedhof kamen. Außerhalb der Mauer war die Neustadt im Entstehen, das sogenannte „Neubrückhausen“, das bereits eine Anzahl ansehnlicher Häuser (Amtsgericht, Adler, Herpell usw.) aufwies, Bahn, Funkspruch und Fernsprecher kannte man noch nicht. Auch keinen Postwagen. Es gab damals hier nur einen Postreiter. Den Rhein hinauf und hinunter führte nur ein schmaler, anderthalb Meter breiter Fußweg, eine Art Leinpfad, der nötigenfalls für einen Esel oder einen Reiter gangbar, aber nicht für Fuhrwerk zu gebrauchen war. Wer reisen musste, ging zu Fuß oder fuhr mit einem gehalfterten Marktschiff, im günstigsten Falle mit der sogenannten Wasserdiligence. Wer nach St. Goar hinüber wollte, musste den Nachen nehmen. Salmen nach auswärts wurden durch Boten befördert, was für 1 Salmen bis zu 6 Gulden Botenlohn kostete.

Schwieriger noch war die Reise über Land. Die beiden Täler, das Forstbach- und Hasenbachtal, waren noch verschlossen. Das erstere hatte nur einen schmalen Fußpfad, der nach der Bornicher Höhe hinaufführte, also nur für Fußgänger gangbar war. Fuhrwerke nach Bornich mußten über Patersberg und Offenthal fahren. Und wer in die Hasenbach wollte, der musste zu Anfang entweder den schmalen Pfad nehmen, der unten am Mühlteich entlang und teilweise durch das Bachbett führte oder den holperigen Weg, der vom heutigen Bahnhofsgelände hinter der Mühle her am Bergabhang hinging und sich durch das Wäldchen nach dem Tale niedersenkte. Auf diesem Weg trabten die beladenen Mülleresel, wenn sie mit ihren Mehlsäcken nach dem Rhein wollten. Daher dieser Weg, trotz seiner amtlichen Bezeichnung „Luisenpfad“ heut noch der „Eselsweg“ heißt. Der Pfad ging dann im Tale weiter, stellenweise durch den Bach hindurch, nach Reichenberg hin, wo die Fahrstraße begann. Der erste Teil war eigentlich nur ein Müllerpfad, naturfrisch und romantisch, aber mühsam.

Der einzige Fahrweg ins Land hinein war die uralte „Hessenstraße“, also der noch heute bestehende steile Fahrweg, der vom Ausgang des Hasenbachtales (dem heutigen Bahnhof) den Berghang hinauf über Patersberg – Reichenberg- Bogel- Nastätten – Katzenelnbogen – Lahn führte und die Verbindung zwischen St. Goar – St. Goarshausen und der landgräflichen Residenz Kassel bildete. Über diesen uralten Weg, der angeblich schon vor 2000 Jahren von den Kelten angelegt wurde, sind schon die Germanen gezogen, als sie aus ihren Urwäldern nach dem Rhein wanderten. Dann sind jahrhundertelang über ihn die hessischen Truppen nach Rheinfels hinübergewechselt, und ebenso haben ihn die fremden Kriegsvölker benutzt, die von drübenher einbrachen. Auch die reitende Post – die einzige, die es damals hier gab – ist über ihn getrabt. Könnte er erzählen, dieser Weg, er würde uns viel Seltsames berichten von Krieg und Not und all den Schicksalsfällen, die dieses Fleckchen Erde im Laufe der Jahrhunderte erlebt hat. Seit dem Ausbau der Hasenbachstraße liegt er, vom Regen ausgewaschen, verbraucht und vergessen da und wird höchstens noch von Fußgängern benutzt, denen der Elchweg nach Patersberg zu steil ist.

Haben wir hier die Verkehrsverhältnisse geschildert, so ist es nicht weniger belangreich, einen Rückblick auf das Leben selber zu werfen, wie es vor hundert Jahren noch hier war. Auch da geraten wir „Modernen“ unwillkürlich in ein Schmunzeln, wenn wir uns in jene biedermeierische Zeit zurückversetzen.

Wie einfach und urväterlich floss das Leben noch hin! Die Bedürfnisse des Alltags, Lebensmittel und Getränke, besonders Wein, waren billig. Ein zünftiger Rausch kostete nur ein paar Kreuzer. Dienstmädchen erhielten vor der Franzosenzeit einen Jahreslohn von 6 Gulden (10 Mark), dazu noch einige leibliche Sachen: ein Paar Schuhe, ein Paar neue Sohlen, ein Halstuch und eine Haube, das sogenannte „Mitzsche“, auch „Komodche“ genannt.

Das Wasser musste noch an der öffentlichen Pumpe geholt werden. Nur einzelne Herrschaftshäuser hatten im Hof eigene Wasserpumpen. Stahlfedern gabs noch nicht. Man schrieb noch mit der Gänsefeder. Der einfache Mann ging werktags in Leinenkittel und Kappe, sonntags in dunklem Tuchrock und rundem Hut. Ein vornehmer Mann dagegen, der sich nach der Mode kleiden wollte, trug einen himmelblauen, zeisiggrünen, zimtbraunen oder lilafarbenen Schwenker, dazu graue Hosen, gelbe Weste, weißes Halstuch und einen grauen Zylinder. Zeitgemäße Damen schritten im geblümten Reifrock daher und trugen dazu neckische Ringellöckchen und buntbebänderte Schutenhüte. Ein farbenfrohes Zeitalter! Das Kaffeetrinken war bereits im Schwung, obwohl es ältere Leute gab, die morgens noch ihre Hafersuppe aßen, was den Landesfürsten auch am liebsten war, wegen der „Devisen“, die sie dabei sparten. Nur mit der Handhabung der Kaffeetasse scheint es noch nicht ganz geklappt zu haben. Aus jener Zeit stammt eine launige Redefloskel, die wir dem Leser nicht vorenthalten wollen. Es heißt da:

„Die Städtchen St. Goarshausen, Kaub und Lorch liegen hintereinander rheinauf. In allen dreien wird, wie auch anderswo, Kaffee getrunken. Aber das geschieht verschiedenartig. In alter Zeit galt es für vornehm, den Kaffee nicht aus der Obertasse, sondern vielmehr aus der Untertasse zu trinken, nachdem man vorher ein Stückchen Zucker in den Mund genommen hatte. Auch von Napoleon ist es bekannt, daß er keinen Kaffee trank, wenn ihm dieser nicht von seiner Josephine in der Untertasse gereicht wurde. Heute ist es umgekehrt. Der Kaffee muß aus der Obertasse getrunken und der Zucker vor dem Eingießen in die Tasse gelegt werden. Das andere ist gewöhnlich. Es gibt aber immer noch Leute, die an der alten Sitte festhalten, so auch in den besagten drei Rheinstädtchen. Das Merkwürdige jedoch ist, sie fassen dort die Kaffeeuntertasse verschieden an. Vielleicht rührt diese Verschiedenheit noch aus der alten Zeit her, da St. Goarshausen noch hessen-kasselisch, Kaub kurpfälzisch und Lorch kurmainzisch war. Da musste doch auch beim Kaffeetrinken ein Unterschied sein, sonst war das nichts. Genug es ist am Rhein bekannt: Die St. Goarshäuser fassen die Untertasse so, daß der Daumen oben und die anderen Finger unten sind. Der Daumen wird nachher abgelutscht. Die Kauber dagegen halten sie so, daß die drei Mittelfinger oben liegen, wogegen sie die Lorcher auf den fünf Fingerspitzen balancieren.“ – Ja, da fehlt nur noch ein Ort, wo man die Untertasse mit beiden Händen hielt!

Das Rauchen kam erst nach und nach in Mode. Vornehmer war das Schnupfen. Ein Mann von Welt führte stets die Schnupftabakdose mit sich. Zigaretten, diese zweifelhafte Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, gabs noch nicht und Zigarren, soweit sie rauchbar waren, waren noch zu teuer. Man qualmte in der Hauptsache seinen Knaster. Auf der Straße zu rauchen war vielfach noch verpönt, von wegen der Feuersgefahr, vielleicht auch wegen der Verstänkerung der guten Luft.

Das Anstecken der Pfeifen geschah vielfach noch mit Feuerstein und Zunder. Streichhölzer waren auch schon in Gebrauch, aber nur in der alten Form mit Schwefel und Phosphorhütchen, die manchmal Feuer gaben, machmal auch nicht. Und wenn sie glücklich brannten, liefen einem die Augen über.

Die altmodischen Unschlittkerzen, die ewig geputzt werden mussten, machten allmählich den Stearinkerzen Platz, obgleich für die häusliche Beleuchtung immer noch die Ölfunzel im Gebrauch war‚ die aber auch nur ein zweifelhaftes Licht spendete. Als eine wahre Erlösung wurde daher die Petroleumlampe begrüßt, die sich dann auch bis zur Einführung des elektrischen Lichts siegreich behauptete.

Gasbeleuchtung hat St. Goarshausen, wie die meisten kleineren Plätze am Rhein, nie gekannt. Ob die Straße hier in alter Zeit mit Öllampen beleuchtet wurde, ist kaum wahrscheinlich. Wozu auch Licht? Die eine Gasse, die man hatte, war so eng, dass einer auch in schweren Nächten keinen Kompass brauchte. Erst in der nassauischen Zeit kamen die Straßenlaternen mit Petroleumbeleuchtung auf und erhielten sich bis zur Errichtung des Elektrizitätswerkes und der Anlage der Glühlampen.

Bis dahin zeigte sich bei uns immer noch das alte belustigende Bildchen. an das wir in der Jugend gewöhnt waren. Morgens erschienen zwei Nachtswächter – damals war es der alte Christian Senz und sein Sohn Peter -, von denen der eine die Leiter und der andere die Petroleumkanne nebst Putzlappen trug. Unter der Straßenlaterne angekommen, begann dann die hochwichtige Handlung. Der Alte legt die Leiter ans Haus an und hält die fest, damit sie nicht wegrutscht. Der jüngere klettert zur Laterne hinauf, – öffnet das Türchen – nimmt vorsichtig den Lampenzylinder ab – haucht hinein – hilft mit Spucke nach – putzt den Zylinder – stellt ihn inwendig wider die Glasscheibe – schraubt den Docht heraus – reibt mit dem Putzlappen den Ruß ab – lässt sich dann die Kanne reichen – gießt langsam und gefühlvoll wie ein Milchmädchen das Petroleum in den Lampenbehälter – reicht die Kanne wieder herunter – schraubt den Docht wieder fest – setzt den Glaszylinder wieder auf – klappt das Laternentürchen wieder zu – klettert die Leiter wieder herunter – um endlich nach vollbrachter Tat und nach ausgiebigem Verschnaufen zur nächsten Laterne weiterzuwandern.

Gegen Abend erfolgt der zweite Teil des Beleuchtungsproramms. Es gilt, die Laternen in Brand zu setzen, was auch nicht so einfach ist. Senz senior und junior treten wieder ihre Kletterreise an. Peter klimmt wieder die Leiter hinauf – fingert ein Phosphorstreichholz aus der Tasche – streicht es mit einladsamer Gebärde und oft mit ungeduldigem Gefluche am Hosenboden an – der Wind bläst es wieder aus – Peter flucht – fingert ein neues Streichholz heraus – streicht es wieder an der Naturreibfläche an – die Laterne brennt endlich – Peter setzt den Glaszylinder auf – klappt die Laterne zu und klettert die Leiter wieder herunter.

Zu löschen brauchte man die Laternen nicht. Wenn das Petroleum verbrannt war, rußten und blakten sie noch eine Zeitlang und gingen dann unterm schwarzen Zylinder von selber aus. Bei Vollmond fiel die Feuerwerkerei überhaupt weg. In dieser gemütvollen. Weise ging die nächtliche Beleuchtung St. Goarshausens vor sich, bis das elektrische Licht der „guten alten Zeit“ den Garaus machte.

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Die hier vorgestellten Ansichten entsprechen weder denen der Urheber dieser Internetseite noch möglicherweise dem modernen Stand der Geschichtsforschung.

Wir verweisen auf das einleitende Kapitel zur Erläuterung.