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Mauern und Türme

Die Stadtmauer des alten St. Goarshausen bildete einen aus Bruchsteinen erbauten und mit Wehrgang und Schießscharten versehenen starken Mauerring, der nach der Rheinseite hin einen Rundbogenfries trug. Die Mauer begann bei der Mündung des Forstbachs in den Rhein, bei dem runden Turm, lief das linke Bachufer hinauf bis zu der Stelle, die heute der Bahnübergang einnimmt, klomm von dort aus den steilen westlichen Abhang des Katzenberges hinauf bis zu ihrem höchsten Stützpunkt: der Burg Katz, senkte sich von dort aus unter Benutzung des scharfen Berggrates wieder bergab bis zum viereckigen Turm und führte dann in einer Länge von 230 Metern den Rhein entlang abwärts, um beim runden Turm den Ring wieder zu schließen. Das Ganze bildete ein Mauerdreieck, dessen Spitze die Katz krönte.

Auf der Rheinseite fiel die Mauer steil in den Strom ab und erfüllte so einen doppelten Zweck: sie diente der Verteidigung gegen einen stromwärts angreifenden Feind, zugleich aber auch als Schutz gegen Hochwasser und Eisgefahr. An ihr brachen sich die gewaltigen Eisschollen, die von der Werb herüber gegen das rechte Ufer geschleudert wurden. Ohne sie wäre das alte Städtchen in den Jahrhunderten, da es noch keine gesicherte Ufermauer gab, den furchtbaren Naturgewalten rettungslos zum Opfer gefallen. Wie verhängnisvoll jene Eisgänge oft waren, möge man aus dem Kapitel “Leidenszeiten“ ersehen.

Die Stadtmauer wurde im Laufe des vorigen Jahrhunderts nach und nach abgetragen und gab den Boden für die heutige Vorderseite der Altstadt ab. Die alten Häuser, die bis dahin ihren Zugang nur von der Innengasse – der Burgstraße – aus hatten und mit ihrer kahlen Rückseite zum Teil auf der Mauer standen, wurden sozusagen herumgedreht. Sie bekamen jetzt ihre Haustüren und Fenster nach der Rheinseite zu mit dem Blick auf den Strom und die Berge, den sie Jahrhunderte lang entbehrt hatten. Das alles war allerdings erst möglich nach dem Ausbau der Rheinuferstraße, von der später die Rede sein wird.

Noch bis zum Anfang dieses Jahrhunderts bestand ein Rest der alten Stadtmauer zwischen den Häusern Rheinstraße 81 und 84. Man konnte dort noch die Schießscharten, sowie den überdachten Wehrgang sehen, der den Bürgern bei Hochwasser als Laufsteg diente, ein ehrwürdiges Stück Mittelalter, das leider der Neustadt zum Opfer gefallen ist. Nur von dem Teil der Mauer, die am viereckigen Turm zur Katz hinaufführte, sind noch einzelne Bruchstücke vorhanden.

Einen markanten Abschluß gaben der Rheinmauer die bereits erwähnten zwei Ecktürme: östlich der viereckige und westlich der runde Turm, die beide noch bestehen und in ihrer trutzigen Gestalt ein beredtes Bild abgeben von der Wehrhaftigkeit, die unser Städtchen in alter Zeit hatte.

Der viereckige Turm (Ostturm), der zur Verteidigung des oberen Stadttores diente, ist unmittelbar auf dem Uferfelsen errichtet und hatte ursprünglich die stattliche Höhe von 23 Metern bei einer quadratischen Seitenlänge von je 9 Metern. Man sieht dem markigen Recken seine stolze Größe heute nicht mehr recht an, da das unterste Geschoß, das Verlies, bei dem späteren Straßenbau verdeckt wurde. Die mit Einsteigeöffnung versehen gewesene Decke des erwähnten Raumes liegt heute ungefähr in gleicher Höhe mit der Straßenfläche.
Allerdings bot dieses unterste Geschoß wenig Verwendungsmöglichkeit, da es bei hohem Wasserstand stets von den Fluten des Rheins umspült war.
Über diesem Erdgeschoß erhoben sich vier Stockwerke, die mit Fenstern, Kaminen, Abort und Wasserstein versehen, also bewohnbar waren. So wurde der Turm zum wehrhaften Beschützer der bedrängten Bürger, wenn sie in Krieg- und Wassernöten nicht mehr ein noch aus wußten und ihre letzte Zuflucht bei dem steinernen Riesen suchten.
Das vierte Geschoß des Turmes war mit einem Kreuzgewölbe gedeckt, darüber sich die mit Zinnen versehene und auf einem Rundbogenfries auskragende Wehrplatte befand, die später – wahrscheinlich im Laufe des 16. Jahrhunderts – zu einem fünften Stockwerk ausgebaut wurde, über dem sich das vierkantige Spitzdach erhob.
In dem nordwestlichen Winkel des Turmes, nach dem Rhein und der Stadt zu, ringelte sich eine steinerne Wendeltreppe hinauf, die im zweiten Stock, in der Höhe des Wehrganges der Stadtmauer, begann und in ein achteckiges Ecktürmchen mündete, das über der Brüstungsmauer der Wehrplatte aufstieg. Das Türmchen, das heute noch zu erkennen ist, war ein baulicher Schmuck, der zugleich den praktischen Zweck verfolgte, dem Turmwächter als „Luginsland“ zu dienen.
Ein anderes, seine Eigenschaft als Wehrturm kennzeichnendes Merkmal trägt der Turm heute noch auf seiner Ostseite. Es ist die sogenannte Pechnase, also der mit einem Gußloch versehene balkonartige Ausbau, der dazu diente, dem das Stadtzor berennende Feind geschmolzenes Pech oder heißes Öl auf den Kopf zu gießen.
Ebenso ist an der Nordseite (Bergseite) noch der Rest der Treppe zu sehen, die zum Wehrgang führte, der das Stadttor schützte und durch den Turm nach dem Laufgang auf der Rheinmauer führte.

So stand dieser mächtige Turm wehrhaft und wohlgerüstet durch die Jahrhunderte da als stolzer Herold, der dem Fremden, der sich ihm als Freund nahte, den Willekum der Stadt entbot, aber dem Feind jederzeit seine eherne Stirn zeigte. Das Schicksal war dem altehrwürdigen Veteran leider wenig hold. Nachdem er die Stürme der Jahrhunderte mannhaft und unbesiegt überstanden hatte und von einem würdigen Ausruhen träumte wurde er in seinen alten Tagen zum Lagerhalter von Heu und Stroh herabgewürdigt und musste es sich sogar gefallen lassen, daß in seiner unteren Behausung Schnaps gebraut wurde. Letzteres wurde ihm zum Verhängnis. Durch Unvorsichtigkeit brach im Jahre 1873 ein schwerer Brand aus, der das Innere des Turmes völlig zerstörte. Das Nähere über dieses betrübliche Ereignis wolle man in dem Kapitel “Leidenszeiten“ nachlesen, Als Ergänzung sei zu der Geschichte des Turmes noch erwähnt, daß dieser grundbuchmäßig zur Burg Katz gehörte, also Eigentum des jeweiligen Burgbesitzers war. Aus der Hand des Landrats Berg, der die Burg in den Jahren 1897/98 ausbaute, ging der ausgebrannte Turm in den Besitz des rheinischen Reeders Franz Haniel über, der sich das dankenswerte Verdienst erwarb, dem von Wind und Wetter bedrohten Bau wieder ein Dach zu geben und ihn damit vor weiterem Verfall zu schützen. Sein Jetziger Besitzer ist Frau Fass.

Von wesentlich anderer Gestalt als dieser Ostturm ist sein gleichaltriger Zwillingsbruder, der heutige Marktturm, der die Wache an der westlichen Ecke der Stadtmauer hielt, wo der damals noch offene Forstbach in den Rhein rauschte. Er ist, wenn auch stark und wuchtig, doch von anmutigerer Gestalt als der vierschrötige Recke im Osten. Er ist rund gebaut, auch weniger hoch, und hat ein auf zierlichem Rundbogenfies ruhendes achteckiges Dachgeschoß. Über dem sich das gleichfalls achtflächige Spitzdach erhebt.

Des Dicken Haupt deckt leicht und luftig
Ein hohes Spitzdach, kühn und duftig.
Von einem Wetterhahn gekrönt,
Um den mit Jauchzen und mit Girren
Viel hundert Schwalbenpaare schwirren,
Wenn sommerlich die Vesper tönt.
(Jörg Ritzel: Trutz Katz)

Später, als Ritter und Reisige längst verschwunden waren, diente das Erdgeschoß des Turmes, der Eigentum der Stadt ist, lange Jahre als städtische Nachtwache. Auch die Stadtuhr war in den Turm eingebaut, ging aber bedauerlicherweise – wer ist schuld an dieser Versündigung? – im Laufe der Jahre “zu Roste“. Heute stehen die alten fleissigen Zeiger still und kein Hammer verkündet mehr die flüchtige Stunde. Nur eine kurze Zeit lang feierte die kleine Uhrglocke noch einmal ihre Auferstehung. Als während des Weltkrieges die Glocken von der evangelischen Kirche heruntergeholt wurden, hängte man an ihre Stelle als bescheidenen Ersatz das alte Uhrglöckchen hin. Sehr weihevoll war das Geläute des hellen Bimmelglöckchens zwar nicht, aber die Not der Zeit hat ihr Tun gesegnet. Mit dem Einzug der neuen Kirchenglocken (1926) ist das alte Uhrglöckchen in den Ruhestand versetzt worden und wieder im Turm.
In neuerer Zeit hat der runde Turm, schier als ob ihn die Jahrhunderte drückten, eine bedenkliche Neigung nach Westen hin angenommen. Gewissermaßen eine rheinische Spielart des schiefen Turmes von Pisa, wenn auch nicht so auffallend. Böse Zungen behaupten, es käme von den Weingeistern, die ihn zur Federweißenzeit bedrängten. – …
Jedenfalls ist es ein wahres Glück zu nennen, daß unserem Städtchen die beiden Türme, diese letzten ehrwürdigen Zeugen aus bewegter Vergangenheit, erhalten geblieben sind. Sie gehören zum Stadtbild und verleihen ihm, im Verein mit der Burg Katz, sein anheimelndes romantisches Gepräge. Wer an ihnen vorbeigeht, möge sich erinnern, daß sechs Jahrhunderte auf ihn herabschauen. Sie haben die alten Ritter noch geschaut, sie haben die Kanonen Ludwigs XIV. gehört, sie haben Gustav Adolf und Napoleon gesehen, und schließlich die deutschen Kaiser. Jeder Stein ist ein Stück vaterstädtischer Geschichte und könnte uns erzählen von dem Kommen und Gehen der Geschlechter und vom ewigen Fluß der Zeit, von Kampf und Not und siegreichem Auferstehen. Heute stehen beide Türme unter Denkmalschutz, der Sorge tragen wird, daß keine unberufene Hand mehr an sie rührt.

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Die hier vorgestellten Ansichten entsprechen weder denen der Urheber dieser Internetseite noch möglicherweise dem modernen Stand der Geschichtsforschung.

Wir verweisen auf das einleitende Kapitel zur Erläuterung.