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600 – Jahrfeier der Stadt St. Goarshausen

Am 27. und 28. Sept. 1924

Wir feiern zu viel Feste,
Einst trieben anders wir das Spiel,
Wir sprachen wenig, taten viel,
Und die Art war die Beste!

So hat Felix Dahn schon vor Jahrzehnten gesungen und diese Worte mögen zutreffen auch auf unsere heutige Zeit. Jedoch gibt es Ereignisse, die, ohne dass ihrer festlich gedacht wird, nicht vorübergehen dürfen. Das sagte sich auch die Bürgerschaft unseres Städtchens, als sie sich rüstete, in schlichter, unserer ernsten Zeit angepaßten, aber doch würdiger Weise den Tag festlich zu begehen, an dem vor 6oo Jahren Ludwig der Bayer dem Fischerdörflein „Husen beim heiligen Goar“ die Stadtrechte verlieh, ein Ereignis, das dem kleinen Gemeinwesen neue Bahnen zur Entwicklung öffnete und seinen Bewohnern Raum gab zur Entfaltung und Betätigung echt bürgerlicher und gemeinnütziger Tugenden. Und war es auch kein rauschendes Fest, das hier gefeiert wurde, so ließ es doch gerade in seiner Schlichtheit die Herzen aller St. Goarshäuser höher schlagen und wird denen, die es mitgefeiert haben, unvergesslich bleiben. Die Stadt hatte ein wirkungsvolles Festgewand angelegt, namentlich glich das am Fuße der Burg Katz gelegene, zwischen den beiden wuchtigen Stadttürmen sich hinstreckende Alt – St. Goarshausen einem einzigen Birkenwald, in den von den hohen Dächern und alten Giebeln lustig die Fahnen herabflatterten.

Das Fest setzte am Samstagabend ein mit einer Beleuchtung der Rheinseite der Stadt und der Burg Katz. Ein von dem Festausschuß gemieteter Dampfer fuhr unter den Klängen einer Kapelle und den Gesängen unserer alten Rheinlieder langsam den Strom abwärts und aufwärts, so daß den wohl 1000 Personen die sich auf ihm befanden, sich ein überaus herrlicher Anblick bot, waren doch zur Illumination 7ooo Lichtkörper verwandt worden. An die Beleuchtung schloß sich im überfüllten Saalbau „Hohenzollern“ ein Kommers an, der einen fechtfröhlichen Verlauf nahm.

Am Sonntagmorgen riefen die Glocken die Bürger und Festgäste in die Gotteshäuser. In angemessener Weise wurde hier des für unser Städtlein so denkwürdigen Tages gedacht. Danach fand in den städtischen Anlagen ein Promenadenkonzert statt, bei dem Hunderte den Klängen der Musikkapelle und Liedern unserer Gesangvereine lauschten.

Um 15 Uhr bewegte sich vom Marktplatz aus ein stattlicher Festzug, an dem die städtischen Körperschaften, die Behörden und sämtliche Vereine der Stadt teilnahmen, nach der Turnhalle des Instituts Hofmann, wo in einer „Hauptfeier“ das Fest seinen Höhepunkt erreichte. Nach einem trefflichen Musikvortrag des, Musikvereins klang Beethovens unsterbliches „Die Himmel rühmen…“ unter Lehrer Willy Beckers sicherer Leitung, – von allen drei Gesangvereinen als Massenchor vorgetragen, durch den dichtgefüllten, prächtig geschmückten Saal. Weihevolle Stille herrschte, als Lehrer Nies in packender Weise den von unserem heimischen, durch seine „Trutz-Katz“ und „Die Herrgottsschenke“ bekannten Dichter Jörg Ritzel verfaßten Prolog zum Vortrag brachte.

Nach dem feinabgetönten Gesang: „Das ist der Tag des Herrn“ begrüßte Bürgermeister Herpell die Festversammlung, namentlich die beiden Ehrengäste, den Oberpräsidenten von Hessen-Nassau, Dr. Schwander und den Regierungspräsidenten Dr. Hänisch aus Wiesbaden, die zur Jubelfeier eingetroffen waren, in herzlicher Weise und schloß mit dem Gelöbnis: „Mag auch das Schicksal unseres Städtchens in den vergangenen Jahrhunderten wechselvoll gewesen sein, so gibt es in der Zukunft für uns nur eine Losung: „Deutsch zu sein und deutsch zu bleiben!“

Nun bestieg der Oberpräsident die Rednerbühne, um nach seiner Begrüßung und Beglückwünschung, auch im Namen der Staatsregierung, zu sprechen. Sechshundert Jahre, so führte er ungefähr aus, habe ein verhältnismäßig kleines Gemeinwesen durch treue Gesinnung und Arbeit seiner Bürgerschaft auch in den schwersten Leidenszeiten gezeigt, daß das Wohl der Heimat und des ganzen Vaterlandes nur erblühen kann, wenn alle Kräfte sich emsig rühren und wenn dabei jeder einzelne sich den Gedanken Fichtes zu eigen macht:

„Du mußt auch als Einzelner für das große Ganze deine Kraft so selbstlos einsetzen, als seist du allein für die Zukunft deines Volkes und Vaterlandes verantwortlich.“

Deutschland stehe noch immer in schwerer Leidenszeit, aber ein Volk, das so viel geleistet und gelitten, könne nicht untergehen, wenn anders die Weltgeschichte einen logischen Sinn haben soll.

Nach Beglückwünschung seitens der Vorsitzenden des Nassauischen Altertumsvereins und der Mittelrheinjschen Gesellschaft zur Pflege alter und neuer Kunst, hielt Archivdirekror a.D. Geheimrat Dr. Wagner aus Wiesbaden die eigentliche Festrede, in der er tief schürfend in übersichtlicher Gliederung und feingeschliffenem Ausdruck in „Querschnitten“- wie er es nannte – die Vergangenheit St. Goarhausens an dem Ohr der Hörer vorbeiziehen ließ. Nachdem noch der Kirchenchor einen besonders für diesen Tag gedichteten Jubelgesang wirkungsvoll zu Gehör gebracht und der vom Männergesangverein vorgetragene „Schwur am Rhein“ mächtig durch den Saal gebraust und die Herzen zu neuer Treue für den alten Rhein begeistert hatte, schloß mit einem schneidig gespielten Marsch des Musikvereins die offizielle Feier.

Die Festtage sind für St. Goarshausen rasch aber gehaltvoll dahingerauscht. Sechshundert Jahre voll Freud und Leid liegen hinter der alten Stadt. In ein neues Jahrhundert ist sie nun hineingeschritten. Mögen in diesem die Worte an ihr in Erfüllung gehen, mit denen Jörg Ritzel seinen Prolog schließt:

„Drum, wie uns auch die Nebel rings bedräuen,
Die Heimat sei der Stab uns auf dem Weg,
Den schicksalshart die deutsche Zukunft fordert.
Dann halten wir die Treue unsern Alten,
Die heimatfromm ihr Erbe uns vermacht,
Dann sind wir würdig der gefallnen Helden,
Die deutschlandgläubig auf Erfüllung harren,
Und freie Menschen sieht das Vaterland“.

Soweit der Bericht über die Jubiläumsfeier. (Der Festspruch des Verfassers ist im Anhang der Chronik abgedruckt). Zur Vervollständigung dieses Abschnitts sei die Zahl der Einwohner genannt, die St. Goarshausen in den verschiedenen Zeitläufen hatte, soweit die Quellen Auskunft geben. Die Bevölkerungszahl betrug:

Im Jahre Seelen Häuser
1324 2oo (ca.)
1528 213 39
1696 200 47 Familien
1782 427 57
1809 537
1827 685
1840 872 110 und 184 Familien
1871 1359
1897 1519
1929 1528

Im Jahre 1929 hatte St. Goarshausen 941 Evangelische, 558 Katholiken und 27 Juden. Die Bevölkerungszahl hat sich, wie ersichtlich, seit 1871 wenig geändert und es ist auch kaum wahrscheinlich, daß sie sich in Zukunft wesentlich erhöhen wird. Da die Stadt durch die örtliche Lage zwischen Berg und Strom an enge Grenzen gebunden ist, die eine weitere Ausdehnung nicht zulassen. Die Berge lassen sich nicht verrücken und der Rhein behauptet sein altes Recht. Dazwischen steht der Mensch mit seinem Wollen und Wünschen . . .

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Die hier vorgestellten Ansichten entsprechen weder denen der Urheber dieser Internetseite noch möglicherweise dem modernen Stand der Geschichtsforschung.

Wir verweisen auf das einleitende Kapitel zur Erläuterung.